I keep on falling…

Juli 31, 2007

Mein Blog-Titel ist heute frei nach Alicia Keys gewählt - in memoriam des Singstar-Abends vom Samstag. Da gab es Momente, die ich wohl nicht so schnell vergessen werde, und die ein oder andere Gesangsüberraschung.

Auf der Tannhütte hatte ich Gelegenheit, mit Carsten ein bisschen über Ki-Aikido zu sprechen und ich glaube ich fange langsam an, diese mir bisher eher fremde Stilart besser zu verstehen. Carsten sprach über die Idee der “idealen Fallgeschwindigkeit”, die mit ein Grundbaustein der Taigi zu sein scheint. Obwohl ich teilweise noch nicht ganz von der Idee bzw deren Umsetzung überzeugt bin (was zweifelsohne an mangelndem Wissen und Verständnis meinerseits liegt), steck da auch etwas dahinter, was ich gut finde. So ganz neu ist mir der Gedanke des “Fallen lassens” ja nicht - ich erinnere mich da beispielsweise an die Anweisung “be like a waterfall”, die ich auf dem Lehrgang mit Frank Doran bekommen hatte. Aber die Diskussion hat mich auf neue Art daran erinnert und mich zum Nachdenken gebracht.

Mit Christian aus Claustal führe ich per E-Mail gerade eine interessante Diskussion zum Thema Ki. Was ist Ki bzw entsteht Ki aus Technik oder Technik durch Ki, etc. ? Meine Vorstellung von Ki hat sich über das letzte Jahr sehr verändert und momentan betrachte ich Ki nicht als Energie, die aus mir heraus entsteht, sondern die durch mich durch fließt. Ich nutze nur etwas, das sowieso schon da ist, indem ich mich dafür öffne und indem ich (mal rein technisch gesehen durch richtige Position, Ma-ai, etc.) die notwendigen Vorraussetzungen dafür schaffe, dass diese Energie oder Kraft von dort wo ich sie herhole bei Uke ankommt. Gestern Abend im Training sagte ich z.B. bei Ikkyo tenkan, dass man sich die Kraft aus dem Boden holt. Bei Entwurzelungs-Techniken erscheint mir das ganz klar und auch überhaupt nicht esoterisch. Um bei Ikkyo tenkan zu bleiben (genauer gesagt die Stelle, wo man hinter Uke eintritt und den Ellbogen hinter Uke und nach oben führt): Ich bringe meinen Körper in eine Position, in der er die Verbindung zwischen Erde und Uke ist. Je stärker Uke drückt und dagegen hält, desto stärker werde ich bzw desto stärker ist die Kraft, die wieder zu Uke zurückkommt, denn die Erde kann Uke ja schlecht wegdrücken :-) Ich nutze also nur die “Kraft” der Erde ohne selbst Muskelkraft anwenden zu müssen. Das geht natürlich einher mit adäquater Technik - ohne diese kann die erwähnte Kraft nicht “angezapft” werden.

Genau so stelle ich mir das mit dem Fallen-lassen vor. Nur wenn ich mich an der richtigen Stelle befinde und das richtige Timing habe, kann ich die Kraft der Natur (ganz konkret in diesem Fall die Schwerkraft - auch eine Kraft/Energie die von der Erde ausgeht, wie mir gerade auffällt) ausnutzen. “Aikido is the art of hitting people with planets.” Keine Ahnung, wer das gesagt hat, aber ihn oder sie würde ich echt gerne mal kennenlernen, denn ich finde in diesem Spruch, der mir erst wie ein netter Witz erschien, immer mehr Wahrheit.

Auf die weiteren Konnotationen des Fallen-lassens im philosophischen Sinn muss ich wohl nicht weiter eingehen. Sabine sagte neulich zu mir “Aikido ist echt wie das Leben. Es geht immer nur darum, loszulassen.” Wohl wahr.

Sonja

PS: Was ich noch erwähnen wollte: Gestern hatten wir außer Heike und Oli auch zwei Yudansha zu Gast im Training (Sven und Zoran) und ich hatte den Eindruck, dass dadurch das Training an Dynamik gewonnen hat. Selbst wenn die Danträger mal unter sich trainieren anstatt mit einem Kyugrad, steckt das dynamische Trainieren offensichtlich an und breitet sich über die Matte aus. Mentale Notiz: Dynamischer vormachen, dann wird auch dynamischer trainiert.

Wort zum Donnerstag

Juli 26, 2007

Nach meinem letzten Blog-Eintrag hatte ich schon fast erwartet, dass mich die netten Jungs vom roten Kreuz mit Blaulicht und Zwangsjacke abholen kommen :-)

Ben mailte mir gestern Abend einen Link zu einer (englischen) Website, die sich mit dem Thema der Effektivität von Kampfkünsten befasst. Diese Diskussion, die in einschlägigen Internet-Foren immer wieder bis zum Erbrechen aufgewärmt wird, ist mir eigentlich mittlerweile gleichgültig. Trotzdem setze ich jetzt mal den Link hier rein, denn die Seite ist wirklich sehr nett. Und hier gleich der Spoiler - nämlich das Ergebnis, zu dem der Schreiber der Website kommt - vorweg:

Without claiming to possess them (the martial arts), what I can tell you is that there are indeed incredible “truths” to be discovered through the martial arts. By nature, these revelations are more along the lines of self-improvement.

But now for a little reality break… these revelations aren’t through any guru, master, expert or style. These “truths” are far more personal than that. It is through your own understanding, learning, depth and growth that you will discover these truths about yourself and who you are. That puts the onus of thinking and understanding on you. You don’t have to “find” what works, but rather through hard work, practice and skull sweat create within yourself something that works. That is how you “master” something: By making it part of you and your awareness. Until you make it part of you, and with your particular understanding, manifest it in your own way, all you are doing is imitating someone else. No matter how proficient your mimicry, until you take this step for yourself, all you are doing is aping your teacher.

In short, which art, your lineage or who your teacher is doesn’t matter…. because it is not about those things. It is about you, what you do and who you are.

Das Wort zum Donnerstag.

Sonja

Das Training gestern Abend hat mich innerlich wirklich etwas von den Socken gehauen, und das nicht nur, weil dabei Sätze vom Wochenende aufgetaucht sind, an die ich mich schon gar nicht mehr erinnern konnte (und ich hätte auch nicht gedacht, dass Ben sich noch daran erinnern könnte) :-) Ich hätte mir gestern abend gewünscht, dass jemand meine Gedanken während des Trainings in meinem Kopf notiert, damit sie mir nicht gleich wieder entfallen… Für sowas ist so ein Blog dann ganz nützlich, denn da kann man bzw ich dann diese Gedanken festhalten.

Ich bin immernoch am Herumdenken um Atteru und Kontakt. Auch gestern haben wir das gegen den Angriff ai hanmi geübt. Und plötzlich trafen Atteru und die Idee eines gemeinsamen Mittelpunktes zusammen. Na klar - zwei Energien treffen aus unterschiedlichen Richtungen aufeinander. Der Konflikt findet in der Mitte statt, also dort, wo sich die Energien gegenüberstehen und wo sie sich berühren. Um diese Mitte herum muss die Konfliktlösung passieren. Das macht Sinn im technischen und im philosophischen Kontext. Toll, wenn man von Dingen, die man auf einem Lehrgang vor fast einem halben Jahr gehört hat, noch so lange zehren kann - in diesem Fall von dem, was Jorma Lyly in Herrenberg erzählt hat.

Und noch etwas fiel an seinen Platz (wie man auf englisch so schön sagt). Auch Jules erwähnte am Wochenende, dass man beim Anlehnen sein eigenes Zentrum ein kleines bisschen aufgeben muss. Lyly hatte das in Herrenberg auch erwähnt. Erst hatte ich das nicht kapiert. Wieso soll ich als Nage mein Zentrum aufgeben?! Ist doch irgendwie hirnrissig. Aber mittlerweile habe ich das überdacht und stimme absolut zu. Wenn wir von “Anlehnen” sprechen, dann geht es (egal ob Nage oder Uke) ja nicht darum, sich so weit aus dem eigenen Zentrum zu begeben, dass man - würde der andere plötzlich loslassen - umfallen würde. Sondern es geht darum, Kontakt aufzunehmen, dem anderen entgegen zu kommen, aber ohne dabei das eigene Zentrum zu verlieren. Im Atteru-Artikel spricht der Autor davon, dass Endo Sensei, wenn er ohne Atteru angegriffen wird, erst mal Uke “wegschiebt” und so durch sein eigenes Atteru Uke zeigt, dass er genau das auch tun muss.
Nicht nur Uke lehnt sich an. Auch Nage muss das tun. Sonst geht der Kontakt nur in eine Richtung. Vielleicht kann man sogar so weit gehen zu sagen, dass man nur dann echten Kontakt zurückbekommt, wenn man ihn selbst auch gibt. Auch im übertragenen Sinn würde das Sinn machen. Jede menschliche Beziehung, egal ob freundschaftlicher, geschäftlicher oder romantischer Art, ist eine Kontaktaufnahme. Wenn beide bereit sind, sich anzulehnen - also Kontakt aufzunehmen und so die Sicherheit des eigenen Zentrums bzw des eigenen Standpunktes für einen Augenblick zumindest zu überdenken - dann kann man sich in der Mitte treffen. Das bedeutet für mich nicht, dass es darum geht, faule Kompromisse zu treffen (Terry Dobson nennt dies “0-0-Ergebnisse”, bei denen beide Seiten weder gewinnen noch verlieren; im Gegensatz zu 1-0-Ergebnissen, bei denen einer gewinnt und der andere verliert - das denkbar schlechteste Ergebnis bei einem Konflikt. Das optimale Ergebnis ist ein 1-1-Ergebnis, auch wenn die Fußballer unter uns sowas natürlich nicht gerne hören…). Mal ehrlich - wann sind wir in einem Konflikt denn schon 100%ig im Recht? Und was bedeutet das überhaupt, im Recht zu sein? In 99% der Fälle sind wir doch irgendwie am Entstehen eines Konfliktes beteiligt, wenn auch oft ungewollt oder unbewusst. Deshalb scheint es mir nur sinnvoll, die eigene Rolle in einem Konflikt zu überdenken und zumindest zu versuchen, den Standpunkt des anderen nachvollziehen zu können.

Techniken haben immer einen Mittelpunkt, der zwischen Uke und Nage liegt. Um diesen Mittelpunkt dreht sich alles. Wie im Universum. Interessanterweise ist ja jeder gedachte Punkt des Universums auch dessen Mittelpunkt (ich hoffe ich habe im Physikunterricht richtig aufgepasst). Auch wir leben jeder von uns in einer eigenen kleinen Welt um die herum sich alles andere dreht. Wenn man den Drehpunkt zumindest mal zwischen sich und die anderen verlegen kann, anstatt sich selbst als Nabel der Welt zu betrachten, muss das doch mal im ganz Kleinen ein guter Anfang sein, um die Menschheit zu vereinen, so wie O-Sensei sich das gedacht hat. Zumindest theoretisch.

Sonja

Philosophy in motion

Juli 18, 2007

Gestern Abend ging ich sehr beschwingt zu Bett und hatte immer noch die letzte Technik “in den Knochen” (auf positive Art und Weise), die Martin mit uns im Training machte - Ikkyo gegen ushiro ryote tori in einer abgewandelten Version, die wir zwar schon einmal gemacht hatten, aber das ist eine ganze Weile her und damals hat sich das für mich noch ganz anders angefühlt.

Martin hatte einen “runden Abend” gestern und die Techniken waren sehr fließend, also eben rund, ein besseres Wort fällt mir dazu nicht ein. Gerade die erwähnte letzte Technik hatte es mir besonders angetan. Ich habe da zusammen mit Holger gearbeitet und er hatte anfangs ziemliche Probleme damit, das nachzumachen, was Martin da gerade gezeigt hatte. Wir haben dann zusammen daran gearbeitet und ich fand es ganz schön schwierig, diese Technik zu erklären und zu erkennen wo und warum Holger damit Probleme hat. Letztendlich haben wir es dann aber hinbekommen und Holger durfte sogar in der Mitte vormachen, worauf es Martin bei der Technik ankam. Cool! :-) Ich glaube wir haben beide viel dabei gelernt.

Überhaupt hatte ich gestern ein richtig tolles Training. Rund in jeder Hinsicht. Ich wurde daran erinnert, dass vieles einfach auch an der eigenen Einstellung liegt, daran was man selbst mit ins Training bringt, was man bereit ist zu geben, und was man bereit ist, anzunehmen. Früher hätte ich immer kotzen können, wenn mir meine Eltern mit Schulweisheiten kamen :-) , aber an Sprüchen wie “Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied” ist schon irgendwie was dran…

Hinterher im Clubraum gab es dann eine interessante Diskussion zwischen Martin, Jochen, Georg, Birgit und mir zum Thema “was wollen wir eigentlich von Aikido” bzw. “worin liegt für uns die individuelle Faszination”. Und dann haben wir gleich noch diskutiert, was einen “guten” Aikido-Lehrer ausmacht. Im Nachhinein denke ich, dass sich diese Themen eigentlich sogar überschneiden.

Ich habe danach noch länger darüber nachgedacht, warum es gerade Aikido ist, das ich mache und was mich fasziniert und gefangen hält. Martin sprach davon, dass ihn von Anfang an die Kraftlosigkeit des Aikido fasziniert habe (ich glaube an die habe ich lange Zeit gar nicht richtig geglaubt und hatte die eher für so eine Art Mythos gehalten, so wie den Yeti o.ä. :-) ). Jochen sprach von Absichtslosigkeit und Gegenwärtigkeit und anderen Dingen - den genauen Wortlaut seiner Definition bekomme ich leider nicht mehr zusammen.

Für mich fing Aikido irgendwie ganz harmlos an. Ich ging da hin, weil Jules damals die Idee hatte, doch mal zusammen sowas anzufangen. Nie im Leben hätte ich damit gerechnet, dort ein “Hobby” für´s Leben (im wahrsten Sinne des Wortes) zu finden. Anfangs war es ein toller Sport mit netten Leuten und einfach nur sauschwer :-) Je länger ich dabei bin, desto mehr Tiefe finde ich, desto mehr Dinge erregen meine Aufmerksamkeit und desto mehr Details (nicht nur technisch) fallen mir auf, die ich verstehen will. Irgendwann wurde mir klar, dass Aikido (von mir ja anfangs als netter Sport total unterschätzt) quasi meine Weltanschauung in Fleisch und Blut ist. Nicht Poetry in motion sondern Philosophy in motion. Ich glaube, das ist es, was ich persönlich in Aikido suche und finde. Und je länger ich dabei bin, desto mehr spüre ich dies auch wirklich körperlich in den Bewegungen. Nicht, dass ich das alles verstehen würde. Aber Aikido ist für mich einerseits ein philosophischer Wegweiser und andererseits eine unerwartete Art, Philosophie körperlich wahrzunehmen. Total spannend!!! Und wenn ich Techniken wie z.B. die von gestern Abend übe, dann merke ich einfach, wie ich vom Fluss und von der Rundheit des Aikido sprichwörtlich abhängig geworden bin :-)

Kommen wir zum zweiten Thema des Abends: Was macht einen guten Aikido-Lehrer aus? Ein für mich noch ungeklärte Frage ist Georgs Vermutung, dass es keine schlechten Lehrer gibt, nur Lehrer, die nicht auf der eigenen Wellenlänge liegen. Ich denke, bis zu einem gewissen Punkt stimmt das auf jeden Fall, aber ich muss diese Frage noch ein bisschen mit mir rumtragen, bevor ich zu einem Ergebnis komme. Was aber aufjeden Fall stimmt, ist, dass jeder bei einem Lehrer etwas anderes sucht (so wie oben beschrieben bei Aikido generell). Jochen möchte z.B., dass ihn ein Lehrer neugierig macht und mehr als nur Technik bespricht. Das kann ich, glaube ich, nachvollziehen. Für mich muss ein guter Lehrer enthusiastisch sein, fühlbare Liebe für Aikido haben, und in mir dafür ein Feuer entfachen können. Gute Technik ist mir natürlich auch wichtig, aber das allein würde mich nicht dazu bringen, bei jemandem zu trainieren. Und was Martin sagte, finde ich ebenfalls zutreffend: Ein guter Lehrer darf selbst nie stehen bleiben und aufhören, sich weiter zu entwickeln. Mit anderen Worten, ein guter Lehrer bleibt selbst immer auch Schüler.

Daneben gibt es noch andere Dinge, die einen guten Lehrer (für mich) von einem weniger guten unterscheiden, aber die sind eher zweitrangig. Sollte mir noch was Wichtiges einfallen, werde ich es ergänzen :-)

Heute Abend geht es dann ab zum Hüttenseminar. Ich freue mich schon diebisch auf das Training, die nette Gruppe und auch auf das Shiatsu. Ach ja, und auf den Whisky :-)

Sonja

Keiko ist das oft gebrauchte japanische Wort für Training. Es steht hier allerdings nicht für das rein körperliche Trainieren (das wäre Renshu, dies wird aber in den Künsten, die einem Weg (Do) folgen, wenig benutzt), sondern vielmehr dafür, dass dabei “Technik, Energie und Geist zusammenkommen” und eins werden sollen. Keiko heißt übersetzt auch “die Handlung überdenken”. Das trifft meiner Meinung nach sehr gut, wie man trainieren (und vielleicht auch wie man Training geben) sollte.

Gestern waren wir nur zu sechst auf der Matte, ein kleines, ruhiges Training, aber sehr intensiv, wie ich fand. Jules und ich konnten beide nicht mittrainieren und so gab es für die Trainierenden jede Menge Aufmerksamkeit und Korrektur von beiden Seiten.

Für mich persönlich war es genau das, was Keiko besagt - nämlich ein Training in dem ich viele Dinge überdacht habe. Auf verschiedenen Ebenen. Technisch hatte ich gestern Gelegenheit, mehr über diverse Aspekte nachzudenken, die ich am Wochenende bei Subileau gelernt oder zumindest gesehen habe und die mir dort beim Zusehen durch den Kopf gingen. So konnte ich zum Beispiel gestern mein Verständnis von Kontakt und dessen Bedeutung bzw Wichtigkeit weiter ausbauen - ein Thema das mich generell in der letzten Zeit oft beschäftigt. Kontakt ist das, was mich dazu befähigt, meinen Angreifer zu spüren. Kontakt hilft mir dabei, ein Gefühl dafür zu entwickeln, wo die Technik lang geht und wo nicht, ob ich die richtige Maai habe oder nicht, ob ich mit Kraft arbeite oder die Kraft aus dem Boden und meinem Zentrum hole oder nicht. Ohne Kontakt kein Aikido und schon gar kein “Lernen” des Aikido. Kontakt kann ich aber nur dann lernen, wenn Uke dazu in der Lage ist, mir Kontakt zu geben. Mal wieder gehen Ukemi und Nage waza Hand in Hand - Yin und Yang - eines ohne das andere ist unmöglich. Und umgekehrt: wenn ich als Uke lerne, Kontakt zu geben und zu halten, kann ich diesen Kontakt auch als Nage anfangen zu erspüren. Was wirklich abgefahren ist: durch meine Aufmerksamkeit auf diesem Thema und meine Beschäftigung damit fange ich an, nicht nur in der Theorie sondern auch in der Praxis zu erfahren, dass Kontakt auch ohne körperliche Berührung möglich ist. Als Nage bekomme ich das natürlich noch nicht wirklich hin, aber als Uke habe ich das schon gespürt. Ganz schön abgefahren…

Gerade die Sache mit dem Kontakt finde ich unheimlich schwer zu vermitteln und lange Zeit wusste ich nicht, wie ich das erklären und rüberbringen soll. Gestern haben wir ein paar schöne Übungen dazu gemacht und es hat mich echt sehr gefreut zu sehen, dass wir alle zusammen angefangen haben, Kontakt nicht nur mit dem Kopf sondern auch mit dem Körper zu verstehen. Und es ist beim Zusehen deutlich, wie sehr sich alle darum bemühen, zu spüren und Kontakt herzustellen. Der schönste Moment für mich gestern Abend war, als mir das bewusst wurde.

Ein weiteres Thema von gestern Abend war der Drehpunkt des Irimi nage, bzw. der Punkt kurz vor dem Wurf, wenn Uke gerade hochgekommen ist und der Wurf an der Schulter eingeleitet wird. Subileau hatte am Wochenende ja das schöne Beispiel mit dem Hochheben des Gewichts gebracht. Eigentlich hatte er das zwar bei Tenchi nage gezeigt, die Bewegung und das dahinterstehende Prinzip sind aber gleich. Dieses Bild hat bei mir echt ein Licht im Kopf angemacht. Darauf sind Jules und ich bei der Korrektur ganz schön rumgeritten, glaube ich, aber ich für meinen Teil nur deshalb, weil ich endlich verstanden habe, was dabei eigentlich passiert und warum das passieren muss.

Diese beiden Dinge erscheinen mir momentan als sehr grundlegend und deshalb habe ich das Training gestern Abend als sehr intensiv und “wichtig” empfunden. Und es macht mir unglaublich viel Spaß zu sehen, dass “unsere Schüler” diese Sachen auch so spannend finden wie wir, dass sie versuchen sie umzusetzen und das tatsächlich auch hinbekommen. Ohne Schüler die ich anleiten darf, müsste ich nie über alle diese Sachen so intensiv nachdenken. Als Lehrer muss ich mich immer wieder fragen, worauf es eigentlich ankommt bei Techniken und bei Aikido ganz allgemein, denn genau das will und sollte ich ja versuchen, weiterzugeben. Ich denke das ist einer der Gründe, warum auch der Lehrer am Ende eines Trainings zu den Schülern “Domo arigato gozaimashita” sagt.

Sonja

Onegaishimasu!

Mai 31, 2007

Gerade bin ich bei Aikiweb über einen Thread mit diesem Titel gestolpert und als bekennender Fan von Etikette musste ich natürlich sofort nachlesen, was es da Spannendes zu Lernen gab. Mal wieder gab mir Aikiweb interessante Denkanstöße.

Am letzten Wochenende in Heidenheim wurde - wie bei Takemusu und den meisten anderen Verbänden außer dem DAB üblich - beim Abgrüßen und vor dem Trainieren mit jedem Partner diese Formel benutzt. Das Pendant am Ende des Trainings lautet Domo arigato gozaimashita. Jules und ich hatten dies, als wir unsere Gruppe in Plattenhardt gründeten, ganz bewusst auch eingeführt und ich bin froh darüber. Nicht nur, weil unsere Schüler, wenn sie auf Lehrgänge außerhalb des DAB gehen, nicht verlegen aus der Wäsche schauen, wenn sie jemand so anspricht. Sondern auch, weil ich finde, dass diese Formeln einen wichtigen Beitrag zur Trainingsatmosphäre leistet.

Man sagt onegaishimasu, wenn man jemanden höflich zu etwas auffordern oder um einen Gefallen bitten möchte (die Herleitung kann man hier nachlesen). Im Aikido-Kontext bedeutet es also quasi “bitte trainiere mit mir” oder auch “bitte lass mich von dir lernen”.  Eine weitere (wahrscheinlich etwas freiere) Übersetzung die ich gelesen habe war “bitte lass uns diesen Moment miteinander teilen”. Die enthaltene Höflichkeit und der Respekt sind unübersehbar. Für mich persönlich ist es aber nicht nur eine Bitte an meinen Trainingspartner. Es ist auch eine Erinnerung an mich selbst, wie ich ihn oder sie behandeln sollte. Und wie ich trainieren sollte.

Irgendwo habe ich mal gelesen, dass man jede Technik so trainieren sollte, als übe man sie zum ersten und zum letzten Mal und dass man jeden Partner so behandeln sollte, als hätte man noch nie mit ihm trainiert und als hätte man auch nie wieder die Gelegenheit dazu (bei manchen - zum Glück wenigen - Trainingspartner hat man allerdings den Eindruck, sie legen das als “nach mir die Sinnflut” aus). Das passt zu der Übersetzung “bitte lass uns diesen Moment miteinander teilen”. Ich habe das selbst schon oft erlebt: Mein Tag war besch***en, das Wetter nervt, es war immer und überall Stau und mir sind mehr als nur ein paar Läuse über die Leber gelaufen. Dann gehe ich in´s Training und packe zusammen mit meinem Hakama und Gi auch gleich meine schlechte Laune mit ein. Dann trainiere ich und je besser ich meinen Trainingspartner kenne, desto mehr lasse ich meine schlechte Laune an ihm oder ihr aus. Nicht gerade nett, kommt aber ehrlich gesagt mal vor… Leute, die ich nicht so gut kenne, müssen unter meiner Laune viel weniger leiden. Also sollte ich mir das oben Beschriebene zu Herzen nehmen und jeden Trainingspartner so behandeln, als ob ich zum ersten Mal mit ihm trainiere. Das beinhaltete auch, unvoreingenommen zu sein, sorgfältig, höflich und respektvoll.  Die meisten Leute, mit denen ich richtig gerne trainiere sind nicht (nur) deshalb Lieblings-Trainingspartner, weil sie ein tolles Aikido machen, sondern weil die Aikido-Chemie beim Üben mit ihnen stimmt. Ich möchte selbst auch solch ein Trainingspartner sein. Onegaishimasu erinnert mich immer auf´s Neue daran.

Sonja

Frei nach Oscar Wilde haben wir uns gestern Abend nach dem Training, das ich (weil Ed nicht da war) in Esslingen als Gasttrainerin geben durfte, Gedanken dazu gemacht, warum es wichtig ist, weich zu sein. Wir kamen darauf, weil es dort einen sehr netten, ehemaligen Karateka gibt, der einen extrem guten Stand hat (Neid!!!), noch dazu recht kräftig und ergo ziemlich schwer zu bewegen ist.

Wer von uns kennt das nicht: Man trainiert mit jemand, der zupacken kann wie ein Stier und dann einfach stehen bleibt und keine Angriffsenergie liefert. Manchmal ist das Sturheit der betreffenden Person, meistens aber machen das diese Leute weil sie denken, dass dies ein “echter” Angriff ist. Damit haben sie natürlich nicht ganz unrecht. Das, was wir als Uke machen, könnte man schon als “Mitspielen” beschreiben und sieht oft so aus, als ob Uke freiwillig fällt. Bisher ist es mir immer schwer gefallen, solchen Leuten zu erklären, warum sie ihren extrem guten Stand in gewisser Weise aufgeben müssen und warum sie “Mitspielen” müssen. Immerhin will ich ja nicht, dass es sich anhört, als ob Aikido nur Puppentheater und “Fake” ist. Dafür liegt mir die Effektivität dann doch zu sehr am Herzen. Aber wie bringt man Effektivität und Weichheit zusammen? Und warum?

Gestern Abend kam mir dann in unserer Diskussion ein Vergleich, der momentan für mich stimmig ist. In der Grundschule habe ich erst mal gelernt, einzelne Buchstaben zu schreiben. Nach einer Vorlage, so dass die “b´s” meiner Klassenkameraden genauso aussahen wie meine. Immer wieder “b” in Schreibschrift schreiben, 1000 mal. Damals hätte ich nicht im Traum daran gedacht, zu meiner (Lieblings-) Lehrerin Frau Michalsky zu sagen: “Na toll, wann werde ich schon mal den Buchstaben “b” im wirklichen Leben so schreiben müssen?! Ich will lieber gleich Romane schreiben und den Pulitzer-Preis gewinnen! Kann ich nicht sofort damit anfangen, Oscar Wilde abzuschreiben?”

Schönschrift zu üben hat nichts mit Literatur zu tun, aber es liefert mir die Grundlage dazu - die Prinzipien, die ich erlernen und irgendwann anwenden will. Wenn ich alle Buchstaben in Schreibschrift und Blockschrift drauf habe, kann ich anfangen, Wörter zu schreiben, dann Sätze und ganze Aufsätze und irgendwann wird sich sogar meine eigene, ganz persönliche Handschrift herauskristallisieren. Dann denke ich beim Schreiben nicht mehr an Buchstaben, sondern kann mich frei über das Papier bewegen.

Bei Aikido scheint es mir ähnlich. Wie Robby gestern auch sagte, geht es in den ersten (10? 20? 30? 100?) Jahren darum, Prinzipien zu erlernen. Die Techniken, die wir dafür üben sind nur Hilfsmittel auf dem Weg dahin. Als Uke muss ich also so angreifen, dass diese Prinzipien erlernt werden können. Und nicht so, als wolle ich jemand auf der Straße niedermachen. Wenn ich Martin angreife, dann merke ich genau das. Je besser ich “mitspiele” desto besser kann er die Technik zeigen, die geübt werden soll. Obwohl mein Angriff also nur “fake” ist, würde ich trotzdem nie im Leben denken, dass Martins Aikido nicht effektiv ist :-) Die Effektivität kommt dann, wenn man ohne zu denken Prinzipien anwendet und sich jenseits der Technik bewegt.

An dieser Stelle bietet sich ein Zitat aus Terry Dobsons Buch an. Er beschreibt, wie jemand in ein Meditationszentrum kommt und wütend ist, weil er immer noch nicht erleuchtet ist. Sein Meditationslehrer erwidert daraufhin: “Du bist nicht reif für deine Erleuchtung. Du musst erst mal an deiner Verdunkelung arbeiten.” In gewisser Weise muss man auch bei Aikido um effektiv zu werden jeden Gedanken an Effektivität erst mal beiseite legen und an der Uneffektivität - dem Weich-Sein, dem Mitspielen - arbeiten.

Das heißt ja nicht gleich, dass ich nicht auf sicheren Abstand o.ä. achten muss (denn der gehört auch zu den zu lernenden Prinzipien), sondern dass ich sowohl als uke als auch als nage eben weich sein muss, um spüren zu können, was eigentlich vor sich geht. Wenn ich mich als uke versteife, dann kann ich weder Energie geben noch selbst die Anwendung der Prinzipien spüren. Das gleiche gilt dann natürlich auch für Leute, die keinerlei Körperspannung haben und am Arm hängen wie ein nasses Handtuch.

Ich kann mich noch daran erinnern, wie ich zum ersten mal beim Üben einer Technik ohne Nachzudenken und ohne zu Stocken in eine andere Technik übergegangen bin, weil mein uke plötzlich nicht mehr “mitgespielt” hat. Für mich fühlte sich das an wie ein wichtiger Schritt auf meinem “Aiki-Do” und vielleicht markierte er den Anfang von so etwas Ähnlichem wie “Effektivität”. An diesen Punkt kann man nur kommen, wenn man vorher unendlich oft mit Partnern trainieren durfte, die auf die richtige Art und Weise mitspielen. Für gute uke sollten wir dankbar sein und versuchen, unseren Trainingspartnern das gleiche Vergnügen zu bereiten.

Früher war es mir immer unterschwellig ein bißchen peinlich, wenn ich Leuten, die mich gefragt haben, ob Aikido nicht nur “Fake” sei, erklären wollte, dass Aikido sehr wohl effektiv sein kann. Es hat sich angefühlt, als ob ich mich oder meine Kampfkunst rechtfertigen will. Komischerweise nimmt dieses Gefühl je besser mein Ukemi wird (also je besser ich mitspielen kann) immer mehr ab.

Sonja

Am Samstag durfte ich als einer von zwei Uke bei Olli´s Prüfung zum 1. Dan mitmachen. Ich hatte noch Zweifel, ob ich nach gerade überstandener Magen-Darm-Grippe und mit wiedergekehrten Rückenschmerzen mitmachen könnte, aber es hat dann doch geklappt - obwohl ich schon ein bisschen kurzatmig war und sehr froh, dass Olli die Überprüfung zusammen mit Fabi gemacht hat (20 Minuten lang!!!).

Obwohl ich ja nicht selbst geprüft wurde und ich die Situation zudem schon von meiner eigenen und von Jules´ Prüfung kannte, war ich trotzdem ein kleines bißchen aufgeregt - für Olli und für mich selbst auch. Aber um es gleich vorweg zu nehmen: Es lief alles gut und Olli darf am Dienstag zum ersten Mal seinen schwarzen Hakama anziehen :-) Herzlichen Glückwunsch, Olli!

Als erstes wartete auch gleich eine Überraschung auf mich: Volker Kenner aus Kirchheim stand gerade auf der Matte und zeigte seine Überprüfung zum 2. Dan als wir ankamen. Es hat mich gefreut, dass ich so ohne es vorher zu wissen bei Volker´s Prüfung dabei war und ihm gleich gratulieren konnte. An dieser Stelle auch nochmal Herzlichen Glückwunsch an dich, Volker!!!

Es ist schön das Lachen (und die Erleichterung) auf den Gesichtern derjenigen zu sehen, die nun diese erste wirklich große Prüfung erfolgreich hinter sich gelassen haben. Zwei der Prüflinge fielen allerdings auch durch und das ist immer traurig. Zum Glück ist mir diese Erfahrung bisher erspart geblieben und ich kann mir nur ausmalen, wie sich diese zwei gefühlt haben müssen. Es hat mich einmal mehr daran erinnert, wie wichtig es ist, für den Spaßfaktor und für den Weg zu trainieren anstatt für die nächste Prüfung. Nur wenn man der Gurtfarbe nicht allzu große Bedeutung zukommen lässt, kann man glaube ich ohne größeren emotionalen Schaden zu erleiden bei solch einer Prüfung durchfallen. Der Gürtel ändert nichts daran, wo wir uns gerade auf unserem ganz persönlichen Weg befinden. Er ist nur eine Art Anhaltspunkt, der noch dazu nicht allgemeingültig ist. Mein Ikkyo ist was er ist - egal ob ich nun einen braunen oder einen schwarzen Gürtel trage, während ich ihn übe. In einem Gedicht von Erich Fried (glaube ich) steht: Es ist was es ist, sagt die Liebe. Ja, so ähnlich ist das bei Aikido glaube ich auch.

Natürlich ist es immer eine Streicheleinheit für das Ego, wenn man von außen Anerkennung bekommt und der eigene Fortschritt auch nach außen durch einen dunkleren Gürtel sichtbar ist. Das wird niemand der auch nur halbwegs ehrlich zu sich selbst ist, leugnen können. Jeder strebt wohl mehr oder weniger auch nach dieser Anerkennung, das ist denke ich nur menschlich. Ich selbst muss mich auch immer wieder mit diesem Thema und meinen damit verbundenen Schwächen auseinandersetzen und habe da noch viel zu üben. Aber auch in dieser Hinsicht befinden wir uns auf einem Weg. Es ist was es ist, sagt O-Sensei.

Sonja

Leider konnte ich gestern aufgrund von Rückenschmerzen mal wieder nicht trainieren :-( Mist, Mist, Mist. Dafür muss dann eben das Netz herhalten und wie so oft habe ich etwas gefunden, was mich sehr berührt hat. Es stammt (wenn ich mich recht erinnere) aus Mitsugi Saotomes Buch “Aikido and the Harmony of Nature”:

O Sensei believed, according to the Way of Kannagara, that the individual creates his or her own heaven or hell right here on this earth. I am reminded of an old Japanese folk-tale of an adventurous young man who wanted to know the difference between heaven and hell. He first looked upon hell and saw many people seated at a long table filled with the finest foods. But everyone had gaunt faces weak, crying in despair. A closer look revealed that their hands had only two fingers formed into the shape of hashi, Japanese chopsticks, four feet long. Although they could pick up the food, their fingers were so long that they could not get in into their mouths. In frustration they were turning their tools into weapons, fighting selfishly among themselves for the food they could not eat. Then he looked upon heaven. He saw the same long table with the same beautifully prepared food and the same long fingers. But everyone was laughing and smiling at the others. Their cheeks were full and glowing with health. There was no fighting, for they picked up the food and, extending it to the other side of the table, fed each other. What is the difference between heaven and hell? Consciousness, compassion, and cooperation.”

Den Kommentar kann ich mir dazu wohl sparen. :-) Der Rest des Buches ist übrigens auch sehr lesenswert.

Einen schönen Tag euch allen,
Sonja

Gestern nach dem Training in Esslingen hatten wir anlässlich eines Textes, den Carsten verfasst hatte, eine interessante Diskussion. Carsten hatte in dem Text geschrieben, dass bei Aikido der Angriff eines Angreifers “akzeptiert” (man beachte die Anführungszeichen, nicht wahr, Carsten? ;-) ) wird. Viele von uns fanden das Wort nicht so glücklich gewählt und auch (sorry Carsten ;-) ) die Anführungszeichen erwecken einen falschen Eindruck. Was pedantisch erscheinen mag, hat trotzdem einen Hintergrund, über den man nachdenken kann. Akzeptiere ich den Angriff wirklich? Wäre es beispielsweise richtig, den verbalen Angriff eines pubertierenden Neonazis zu akzeptieren? Momentan würde ich das verneinen. Ich würde sowas nicht akzeptieren wollen. Aber was meiner Meinung nach durchaus vorstellbar wäre, ist den Angriff erst mal (jedenfalls bis zu einem gewissen Grad - manchmal muss man aber wahrscheinlich auch einfach 100%ig irimi sein) zuzulassen und erst mal die Blickrichtung des Angreifers einzunehmen. Wo kommt er eigentlich her? Warum hat er es nötig, mich mit rassistischen Parolen provozieren zu müssen? Was bringt jemanden dazu, sich so zu verhalten? Und was kann getan werden, dass er sich das alles selbst und anderen nicht mehr antun muss? Letztendlich wäre doch genau das die Lösung, die Harmonie herstellt und den Angreifer gleichzeitig beschützt. Nicht dass ich behaupten würde, das in der Realität anwenden zu können, aber es kann ja nicht schaden, soetwas anstreben zu wollen.

Und das mit den Anführungszeichen hat in mir beim Lesen des Textes den Eindruck erweckt, dass man als Verteidiger nur so tut, als ob man den Angriff akzeptiert/zulässt, um dann hinterrücks zuzuschlagen, oder so ähnlich. Aber ich glaube (und da wird mir Carsten sicher Recht geben :-) ) dass man den Angriff mit ganzem Herzen zulassen muss. Sonst funktioniert das ganze einfach nicht. Genau wie bei einer Technik: halbe Sachen gehen meist in die Aikido-Hose. Ganz oder gar nicht. Um das aber mit ganzem Herzen machen zu können, braucht man wohl viel Vertrauen, Erfahrung und Gelassenheit, schätze ich. Naja, irgendein Ziel muss man ja haben, auch wenn es weit entfernt scheint…

Irgendwas hat gestern im Training bei mir klick gemacht. Ich habe mein Zentrum ziemlich stark gefühlt und eine stärkere Verbindung dazu aufgebaut. Schwer zu beschreiben, aber es war richtig geil :-) Daumen drücken, dass das keine einmalige Sache war!

Nachher im Auto sprachen Jules, Leoni und ich noch ein bisschen über die Lernprozesse, die man bei Aikido so durchläuft. Ich kann mich noch gut an die langen Plateau-Phasen am Anfang erinnern. Man hatte den Eindruck, über eine gewisse Zeit hinweg einfach keine Fortschritte zu machen und irgendwann dachte man sogar, dass sich die Technik wenn überhaupt dann verschlechtert. Das war meist schwierig, aber irgendwann fiel mir dann auf, dass diese Phasen immer die Einleitung zu einem Lernsprung waren. Der Eindruck, dass meine Technik schlechter wurde kam meist daher, dass mein Kopf schon Dinge verstand, die mein Körper einfach noch nicht umsetzen konnte. Trotzdem verstand ich eben mehr als noch ein paar Wochen zuvor, so dass mir meine Fehler natürlich mehr auffielen, obwohl sie nicht unbedingt zugenommen hatten. Dem gedanklichen Verständnis folgt dann ja zum Glück das körperliche Verstehen und Umsetzen und die Zeiten nach den Plateau-Phasen gehörten immer zu den besten auf der Matte. Je länger ich trainiere umso kürzer werden die Plateaus und umso gleichmäßiger wird das Lernen. Trotzdem gibt es immernoch Aha-Momente, bei denen die Kronleuchter angehen. Die liebe ich!!! :-)

Sonja