Aikido und Individualität

Februar 15, 2007

Gestern, als Jules mir mal wieder Clips bei YouTube zeigte, fiel mir einmal mehr auf, wie außergewöhnlich Doshus (Doshu bedeutet Meister des Weges und ist die Bezeichnung für O-Senseis Enkel Moriteru Ueshiba, der den Aikikai anführt) Aikido ist, gerade weil es nicht außergewöhnlich ist. Könnt ihr mir folgen? :-)

Ich meine mal gehört zu haben, dass sich Doshu als Nachfolger O-Senseis dazu verpflichtet fühlt, das “reine” Aikido ohne eigene persönliche Färbung weiterzugeben. Meiner Meinung macht er genau das, und zwar auf bewundernswerte Art und Weise. Früher, als Anfängerin, habe ich das gar nicht so gesehen und fand ihn einfach nur irgendwie etwas farblos. Früher haben mich auch die alten Aufnahmen von O-Sensei nie so richtig interessiert. Ich schätze zu dem Zeitpunkt war das ein bißchen wie die Sache mit den Perlen und den Säuen… ;-) Ich hab einfach nicht gewusst, was ich da vor mir habe.

Gestern, als mir dieser Gedanke zu Doshu kam, hatte ich dann seit Jahren mal wieder die Idee, mir die Aufnahmen von O-Sensei anzusehen um zu prüfen, ob O-Sensei denn nun einen unverkennbaren “Stil” hatte oder so wie sein Enkel auch eine Art “Gefäß” für Aikido war. Und siehe da, ich fand´s plötzlich total spannend. Nicht, dass ich jetzt kapiert hätte, was O-Sensei so außergewöhnlich gemacht hätte. Aber was mir durch den Kopf ging war, dass O-Sensei - im Vergleich zu allen anderen großen Meistern, die ich bisher gesehen habe - keine Techniken gemacht hat. Er hat einfach Aikido gemacht.

Bei anderen Meistern - ich denke da beispielsweise an Yamada mit seinem unumstößlichen Stand einer 400jährigen japanischen Eiche, an Saotome mit seiner runden Weichheit oder auch an Martins Präzision,  aber Beispiele gibt es unzählige - kann man immer einen bestimmten Stil erkennen, etwas was ihre Technik oder ihre Herangehensweise von der anderer Meister unterscheidet (oft kann man sogar ihre SchülerInnen sofort an ihrer Technik erkennen). Ich finde, dass Doshu das nur in sehr begrenztem Maß hat. Und ich finde es sehr weise, dass er anscheinend bewusst beschlossen hat, dies so zu tun. Trotzdem finde ich es andererseits sehr spannend, dass es eben diese unterschiedlichen Stilrichtungen durch die Individualität der Meister gibt und es fasziniert mich immer wieder, wie sehr sich die Persönlichkeit eines Menschen in seiner Technik wiederspiegelt.

Und der Stil O-Senseis??? Den konnte ich bisher auch irgendwie nicht erkennen. Eigentlich sieht es auf den Videos manchmal aus, als ob er gar keinen so unumstößlichen Stand hatte wie Yamada, nicht die Rundheit von Saotome oder die anscheinende Brutalität von Chiba. Kann es sein, dass genau das das Zeichen seiner Genialität war…? Dass er was Aikido angeht vielleicht jenseits von Persönlichkeit und Ego war, die sich in den Techniken hätten manifestieren können? Dass er eben einfach Ki durch sich durchfließen lassen konnte und sich so von Technik und persönlichen Vorlieben oder Interessen loslösen konnte? The mind boggles…

Doch nun genug der Esoterik und immer schön weiter trainiert.

Sonja

Marchez, marchez!

Februar 12, 2007

Letzten Samstag hatte ich zum zweiten Mal das Vergnügen, bei Jean-Luc Subileau, 6. Dan Aikido FFAAA, trainieren zu dürfen. Er hatte ja letztes Jahr beim Pfingstlehrgang des DAB unterrichtet und schon da hatte ich unheimlich viel Spaß.

Auf dem Hinweg dachte ich noch: “Und wenn wir Irimi nage machen, dann setze ich mich eben daneben und mache bei dieser Technik nicht mit.” Meine Nase war nämlich noch nicht wieder zur alten Höchstform aufgelaufen und der Gedanke, meinen Riechkolben so nah an eine mir entgegen kommende Schulter zu bringen schien wenig verlockend. Streng nach Murphy´s Law hat Subileau mich dann natürlich genau für den Irimi nage nach vorne geholt. Da kann man ja schlecht sagen “Och nö, lieber nicht, aber danke.” :-) Zum Glück unterrichtet er ja nicht die Form des Irimi nage, der Uke´s Kopf immer und die ganze Zeit absolut an der Schulter fixiert, so dass das dann doch gar kein Problem war.

Ich war - wie letztes Mal auch - sehr von Subileau beeindruckt. Und zwar technisch als auch was seine Person angeht:

Ein Satz, den ich vom Pfingstlehrgang schon wieder vergessen hatte, und den er auch dieses Mal wieder sagte, war “Marchez, marchez!” Das will ich mir hinter die Ohren schreiben.
Was ich technisch außerdem mitnehme, ist, wie klar er mit der eigenen Mittellinie arbeitet (im Prinzip ist das zwar nichts neues, aber bei Subileau finde ich das besonders deutlich und klar). Die Bewegungen kommen bei ihm immer von dort - besonders klar wurde mir das beim Irimi nage. Das ergänzt sich sehr gut mit dem, was Martin unterrichtet: das Kontrollieren der Mittellinie von Uke. Sowohl bei Uke als auch bei Nage geht es eben immer um diese Linie.
Manchmal hat Subileau die Bewegungesabläufe einer Technik ohne Partner gezeigt und wenn Uke fehlt, materialisiert sich plötzlich ein unsichtbares Schwert in Subileaus Händen. Alle Techniken gehen auf das Schwert zurück - auch das ist nichts neues, aber irgendwie kommt das bei ihm eben ganz stark raus und ist in seinen Bewegungen sehr präsent. Das gefällt mir sehr gut.

Abgesehen vom Technischen hat Subileau noch dazu eine unglaublich angenehme, freundliche Art. Und ich habe ihn bei diesem Training zum ersten Mal über Philosophie sprechen gehört. Zum Abschluss des Trainings sprach er davon, was einen Angriff provoziert oder auslöst. Nicht etwa im technischen Sinn, sondern eben im menschlich-philosophischen. Er sagte (wenn ich das richtig verstanden habe), dass jemand meist dann angreife, wenn er einen Mangel verspürt, den er ausgleichen will oder/und wenn er Angst fühlt. Wenn jemand dagegen völlig im eigenen Ki ist, eben keinen Mangel und keine Angst verspürt, dann hat er auch keinen Grund jemand anders anzugreifen. Man erlebt in unseren Gefilden ja selten, dass mal über Philosophie gesprochen wird und ich sauge das dann immer auf wie ein Schwamm.

Was er da sagte war total “up my street” und es ist etwas, was ich auch in meinem Beruf als Homöopathin jeden Tag beobachte. Alle negativen Gefühle - Neid, Aggression, Arroganz, etc - haben am Ende doch immer den gleichen Ursprung: Mangel und Angst. In meinem eigenen Verständnis geht es sogar noch einen Schritt weiter. Ich kann nur leer sein, wenn ich nicht ständig damit beschäftigt bin, mich anfüllen zu wollen (=Gefühl von Mangel?). Man spürt diese Lehre manchmal bei fortgeschrittenen Meistern z.B. rein technisch, aber ich habe eine solche Leere auch schon im persönlichen Bereich z.B. bei Rajan Sankaran - einem Homöopathen nach dessen Methode ich arbeite - erlebt. Eigene Leere bedeutet für mich ebenfalls, dass ich versuche, mein Ego loszulassen und stattdessen meine Einheit mit der universellen Energie zu spüren. Sobald ich mich von dieser Energie trenne, kommt mein Ego in´s Spiel und ich fühle Angst und eben auch Mangel. Aikido kann mir helfen, an dieserAngst und dem Mangel zu arbeiten. Genau das ist meine Idee von Aikido und so wie ich O-Sensei verstehe (wenn ich ihn denn verstehe) hat er unter anderem ungefähr sowas sagen wollen. Das ist jetzt meine Interpretation, aber vielleicht bekomme ich ja mal die Gelegenheit, mehr darüber von Subileau zu erfahren. Das wäre sehr schön.

Sonja

Jules hat diese Woche eine sehr interessante Einsicht gehabt, bei der es darum geht, wo der Mittelpunkt der Kreise in den Aikido-Techniken liegt. Schon bei den Ausweichbewegungen wird klar, dass nicht Nage der Mittelpunkt der Technik ist, sondern der Punkt genau zwischen Nage und Uke. Um diesen Punkt dreht sich alles. Das macht sehr viel Sinn und so klar wie Jules das ausdrückte, hatte ich das noch nie gesehen. Witzigerweise hatte ich gerade im Training am Dienstag bei Martin an einem ähnlichen Punkt bei Irimi nage gearbeitet. Die Zentrifugalkraft kommt hier manchmal recht unhilfreich ins Spiel und bringt den Kopf des Uke, den ich ja kontrollieren will, immer weiter weg von mir. Es stellte sich heraus, dass man, um das zu vermeiden, eben nicht sich selbst zum Zentrum der Bewegung zu machen, sonden den Abstand zu nage genau wählen muss, dass das Zentrum der Bewegung zwischen uns liegt. Physisch hatte ich das am Dienstag schon kapiert, theoretisch erst jetzt, nachdem Jules das so klar formulierte. Ein Prinzip, dass sich in alle Techniken integrieren lässt.

Auch philosophisch macht das viel Sinn. Um eine harmonische Lösung in einem Konflikt zu erreichen, darf ich nicht nur mich selbst zum Zentrum des Geschehens machen - eine Konfliktlösung kann so nie zu beiderseitiger Zufriedenheit führen. Nur wenn ich ein gemeinsames Zentrum finde, einen gemeinsamen Nenner sozusagen, kann die folgende Lösung für beide akzeptabel und harmonisch sein.

Technik und Philosophie sind so eng miteinender verwoben - das fasziniert mich immer wieder auf´s Neue!

Sonja

Gestern im Training machte Martin mir gegenüber eine Bemerkung, die mich mal wieder zum Nachdenken über das Wort “Meister” gebracht hat und Jules und mir eine interessante Unterhaltung über dieses Thema auf dem Weg zur Arbeit heute morgen bescherte :-)

In meinem Artikel zum Shodan hatte ich ja schon mal angesprochen, dass mir dieses Wort “Meister”, das im DAB für alle Danträger schon ab dem 1. Dan verwendet wird, nicht liegt. Die meisten Verbände, die ich kenne, verwenden diese Bezeichnung (wie ich finde zu Recht) erst für Danträger ab dem 5. Dan. Wenn ich mal über die Grenzen Deutschlands hinweg denke, dann fällt mir außer Frankreich kein Land ein, in dem dieser Begriff verwendet wird. In Frankreich spricht man von Maitre Noquet, Maitre Brun, aber selbst bei Tissier oder Subileau ist mir dieses Wort noch nie begegnet (was natürlich daran liegen mag, dass ich wenig Französich spreche und daher wenig über Aikido in Frankreich lese). Auch in England oder den USA ist “master” ein sehr ungewöhnlicher Begriff, um einen Aikido-Lehrer zu beschreiben. Statt dessen spricht man von “shihan” oder “sensei”.

Sensei bedeutet nichts anderes als Lehrer, shihan könnte (nach längerer Recherche im Netz) mit vorbildlicher Lehrer übersetzt werden. Es wird außerdem vom Aikikai als höchster von drei Titeln/Auszeichungen (fukoshidoin, shidoin, shihan) für Lehrer verwendet. Da die im DAB meist verwendete Aikido-Terminologie deutsch ist, lässt sich sowas nicht so leicht integrieren, aber ich muss sagen, dass mir diese Bezeichnungen viel leichter über die Lippen gehen als “Meister”. Ich zucke auch innerlich zusammen, wenn ich als Shodan so bezeichnet werde. Das fühlt sich für mich in etwa so an, als würde man nach bestandener Führerscheinprüfung von mir erwarten, im Nürburgring mitzufahren - wo ich doch jetzt perfekt Auto fahren kann ;-).

Natürlich erwartet auch im DAB niemand von einem 1. Dan, dass er oder sie perfekt ist, aber wird das nicht trotzdem durch das Wort Meister suggeriert? Laut Wikipedia ist ein Meister ein Mensch, der “ein Fachgebiet umfassend beherrscht”. Ohne falsche Bescheidenheit möchte ich behaupten, dass ich als Shodan weit von sowas entfernt bin und dass sich das auch in den Dangraden nach dem Shodan nicht großartig ändern wird. Leider gibt es meiner Meinung nach zu viele Danträger, die sich auf ihrer Graduierung ausruhen, gerade so als müssten sie ja nun nichts mehr lernen - sie sind ja nun schon Meister. Solch eine Einstellung kommt natürlich nicht nur daher, dass diese Bezeichung benutzt wird, aber ich frage mich schon, ob es mit eine Rolle spielt.

Interessanterweise habe ich den Eindruck, dass die Bezeichnung sensei nur ungern benutzt wird. Und zwar nicht etwa von den Schülern, sondern von den Lehrern selbst. Im DAB ist es unüblich, einen Lehrer als sensei zu beschreiben und irgendwie haftet diesem Wort in unserem Verband soetwas wie hochtrabende Arroganz an - wohingegen schon jeder 1. Dan von sich selbst als Meister sprechen darf. Irgendwie passt das nicht in mein Verständnis von Vorbildern. Für mich ist die Bezeichung sensei daher eher ein Zeichen von Bescheidenheit als von Überheblichkeit.

Außerdem scheint es mir paradox, dass man sich einerseits auf dem Do befindet (Der Weg ist das Ziel?!) und andererseits schon mit dem 1. Dan davon spricht, Aikido zu meistern. Da passt doch irgendwas nicht zusammen!?

Sonja

Start ins neue Jahr

Januar 14, 2007

Das neue Jahr hat prima angefangen: gestern und heute hielten wir unseren ersten Ukemi-Lehrgang in Plattenhardt ab. Anscheinend waren viele wegen der Weihnachtsferien so wie wir etwas Trainings-ausgehungert, denn unsere Matte war ziemlich voll.

Zwei Tage lang ging es um Rollen, Fallen, Kontakt, weich-Sein, Schwerkraft und andere Aspekte des Ukemi, die ausgiebig geübt wurden. Durch Rückenschmerzen gehandicapped konnte ich selbst leider nicht so mitmachen, wie ich mir das vorgestellt hatte. Vor allem am Samstag hat mich das sehr frustriert. Zum Glück ging es am Sonntag dann schon etwas besser und meine Lebensgeister kamen zurück.

Mal wieder habe ich gemerkt, wie viel ich durch das Unterrichten lerne. Und wo ich noch zu lernen habe. Ich empfinde es deshalb als großes Glück, dass ich die Chance habe, Training geben zu dürfen. Und noch viel mehr Spaß macht es, wenn es Leute gibt, die so aufmerksam zuhören und im Anschluss so bemüht sind, das, was wir vorzeigen und erklären, ausprobieren zu wollen.

Trotz Spaß an der Sache und viel Lachen war die Konzentration durchweg unglaublich gut - nicht selbstverständlich bei 3 Stunden Training am Samstag mit ziemlich vielen neuen Informationen und einer guten Portion Rollen und Fallen. Ich habe die Gruppe als sehr freundlich und wohlwollend miteinander empfunden. Alle haben miteinander trainiert, und nicht gegeneinander. Allein das spiegelt für mich gutes Training und in gewisser Weise auch gutes Ukemi wieder - sich gegenseitig zu erlauben, zu üben.

Für mich persönlich war der Aspekt des Kontaks bei diesem Lehrgang sehr wichtig und ich habe viel darüber gelernt. Nicht angreifen und dann einfach aufgeben oder weglaufen, sondern beim Partner bleiben, spüren, wo er mich hinführt und was er mit mir macht, und dann gegebenenfalls reagieren. Für mich ist das auch mal wieder eine Analogie zum richtigen Leben. Auch da führt manchmal kein Weg daran vorbei, einen Konflikt austragen zu müssen. Draufschlagen und wegrennen kann dann jeder. Aber Kritik zu üben und dann dem Gegenüber die Chance zu geben, mit dieser Kritik und mit mir zu arbeiten scheint mir da wesentlich sinnvoller und führt im Endeffekt zu einer Lösung, die für beide akzeptabel sein kann. Das ist für mich ein wichtiger Aspekt des Aiki.

Ein schönes Wochenende… Vielen Dank an alle Helfer!

Aiki is everywhere

November 26, 2006

Ich habe das Seminar über Renaissancefechten überlebt. Zwei Tage lang wurde gnadenlos gestochen und parriert. Mit (stumpfen) Waffen. Jedoch bleibt eine Waffe immer eine Waffe. Mit lediglich ein paar Handschuhe und Reflexe zum eigenen Schutz, war die Bedrohung durchaus vorhanden. Sowas steigert die Konzentration und die Aufmerksamkeit immens.

Nach diesem Wochenende kann ich mit voller Gewissheit sagen: Aiki ist überall.

-Distanz, Timing, Harmonieren, Ausweichen, Entspannung, Zentrum und sogar die Fußarbeit. (Ein Taisabaki bleibt eben ein Taisabaki, auch wenn die ignoranten Westlichen keinen anständigen Namen dafür haben außer “mach das hier mit den Füßen, um die gegnerische Klinge auszuweichen”. Der japanische Name scheint mir eindeutig kurzer und schicker zu sein.)

Aiki ist aber auch Kopfsache: Das aufmerksame Warten vor dem Angriff. Die Ruhe, wenn der Angriff kommt, die geistige Klarheit.

Ich wurde schon das eine oder andere Mal vom Bokken-schwingenden Kiai-schreienden Aikidoka angegriffen. Ein “Allee” behauptender Typ mit einem übergroßen Zahnstocher muss sich noch ein Bissle mühe geben, um mich zu erschrecken. “Allee”, wie viele von uns zweifellos bereits wissen, ist ja eine Straße, die zwischen zwei Reihen von Bäumen verläuft.

Von einem Menschen angegriffen zu werden, der gerade “Straße, die zwischen zwei Reihen von Bäumen verläuft!” schreit, ist weitaus weniger erschreckend als
“KIIIIIIIIIIAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAI!!!!!!!”

Nach dieser kleinen philolpgoschen Ausschweifung, nun zurück zum eigentlichen Thema: Geistige Ruhe.

Meine ist zwar nicht so gut, wird immer besser und zahlt sich immer wieder aus.
Dank dieser Ruhe habe ich aus dem Seminar viel mehr mitnehmen und lernen können, als sonst möglich gewesen wäre. Dank ihr habe ich auch viel mehr Spaß gehabt.

Es gibt eine Geschichte über den berühmten Samurai, Miyamoto Musashi: Ein Meister der japanischen Teezeremonie ist zu ihm gekommen und hat ihm um Schwertunterricht gebeten. Ein Samurai hat den Teemeister zum Duell herausgefordert. Da er nichts über den Schwertkampf wusste, dachte der Teemeister, er sei regelrecht im Arsch. Musashi dagegen war anderer Meinung.
“Du bist doch Meister der Teezeremonie. Begegne doch deinem Gegner mit derselben Aufmerksamkeit und Konzentration, der du der verdammten Brühe immer widmest,” meinte Musashi.
Von dieser Yoda-ähnlichen Aussage entsprechend erleuchtet, tratt der Teemeister gegen den Samurai an. Der Samurai fand keine Lücke in der Konzentration und dem Fokus des Teemeisters. Das war ihm dann zu blöd und er brach den Kampf ab und ging nach Hause. Der Teemeister machte weiterhin Tee und die Geschichte ging somit zu Ende.

Der Sinn dieser Geschichte?
Sei nett zu deinem Teehändler? Wer mit einem Schwert in der Hand den ganzen Tag in der Sonne steht, hat einen Schatten?
Viele Dinge, die wir wissen, sind vielseitig verwendbar und wir können Vieles verstehen. Besonders wenn wir dem Neuen mit offenem Geiste begegnen.

Ben

Klarheit

November 14, 2006

Das erste, was mich im letzten Training beschäftigt hat war Klarheit. Was Aikido betrifft, heißt das für mich: nicht trippeln, nicht wischi-waschi sein, sondern eindeutig und bestimmt. Klar eben. Klar?! :-)
Das ist mal wieder eine von den Sachen, die ich gerne vom Aikido mit in den Alltag nehmen möchte. Wie oft habe ich schon Situationen erlebt, wo ich mich meinem Gegenüber nicht eindeutig genug verhalten habe, nicht bestimmt genug aufgetreten bin oder aber (das Gegenteil davon) mit zu viel Kraft und nur auf mein Ziel konzentriert vorgegangen bin. Ich möchte gerne lernen, klar und bestimmt zu sein - besonders natürlich in Konflikt-Situationen, aber auch im Alltag. Und das, ohne andere zu verletzen, ohne Rücksicht auf Verluste nur mein Ziel vor Augen zu haben und auch ohne mir selbst untreu zu werden. Aiki spirit. Nun ja, man lernt Schritt für Schritt und jedes Training hilft auf unserem Weg ein kleines Stück weiter.

Was mich an unserer Gruppe positiv beeindruckt ist, wie wir die guten Seiten aneinander zu fördern scheinen. Coolness, Ehrgeiz, Neid und all die anderen Schwächen die jeder Mensch so mit sich rumträgt, treten in den Hintergrund und stattdessen haben wir zwei Mal die Woche eine so positive, konstruktive Atmosphäre im Dojo. Ich bin sicher, es kommen auch mal andere Zeiten. Das ist nur menschlich. Aber es ist auf jeden Fall ein Start, den ich so nicht erwartet hatte.

Tja, und natürlich war es mehr als nur toll, zu sehen, wie alle in der Gruppe, vom Weißgurt bis zum Grüngurt, die harte Fallschule mitgemacht haben. Und nicht nur das, ihr hattet sogar alle Spaß daran! Ich will mir gar nicht vorstellen, wie wir in einem Jahr oder so durch die Halle fliegen werden. Ihr werdet gar keinen Spaß mehr an Bodentechniken haben :-))) Eure Bereitschaft, diese Fallschule-Übungen (zum GRoßteil sogar völlig Angst-frei) mitzumachen, hat mir mal wieder gezeigt, dass es wichtig ist, Menschen etwas zuzutrauen. Wenn andere mir viel zutrauen, werde ich auch mehr erreichen, weil ich selbst mehr an mich selbst glaube. Glaube ich zumindest ;-)

Erkenntnis des Tages: Ikkyo: eins, zwei, drei - vorbei!

Sonja

Nach der Prüfung ist vor der Prüfung.

Bei uns war das diese Woche wahrhaftig so.

Für mich war Leonis Prüfung inspirierend: Eine klare Ausweichbewegung, die konzequent umgesetzt wurde. Das macht für klares Aikido und gab mir zu denken: Mehere Wege führen zum Ziel. Langsam versuche ich “Eingang” von “Technik” zu unterscheiden. Ich glaube, wenn der Eingang richtig gemacht wird, können wir so gut wie jede beliebige Technik danach zusammenbasteln.

Die letzten paar Wochen habe ich mit dem Versuch verbracht, aus den ganzen Angriffen, Eingängen, Ausweichbewegungen und einigen Techniken für mich ein kleines, verständliches System zu machen. Natürlich scheitert der Versuch jedes Mal ziemlich kläglich. Das ist aber so in Ordnung. Die Japaner stehen auf gescheiterte Helden. Ihnen ist die Absicht, die dahinter steckt eher von Belang. In ihrer Geschichte, Mythologie und in ihren Sagen scheitern viele ihrer Helden. Aber ihre Absichten, die Vertretung bzw. Verkörperung einer Moralvorstellung war viel wichtiger als ihr Erfolg oder Miserfolg. Habe ich dabei aber irgendwas begriffen? Eigentlich schon:
Mir wäre eine mündliche Prüfung viel lieber als technisches Können physikalisch unter Beweis zu stellen.

Heute war in manchen Hinsichten schlimmer als eine Prüfung. In der Prüfung blamiere ich lediglich mich selbst und verletze vielleicht meinen Uke. Shit happens. Knochen heilen wieder.

Aber auf dem Lehrgang den Uke sein zu dürfen für den Sensei, der mich prüfte, das war viel schlimmer. Das ist sowohl eine Ehre als auch eine Verantwortung zugleich. Baue ich scheiße, habe ich auch ihn blamiert.

Wir haben es beide scheinbar mit minimalen Verletzungen überlebt.

Zurück zum Anfang. In Plattenhardt haben wir einige tollen Vorteile: Nicht nur wachsen wir und lernen wir zusammen als eine Gruppe, sondern wir haben auch Zwei Lehrer, die zusammen nicht nur grundliegende Technische ansichten vertreten und lehren, sondern auch viel Wert auf die Fallschule legen. Wir haben Spaß an Ukemi. Und das zahlt sich aus. Eher früher als später.

Mir sin die, wo fliega wellet.

Ben

Basics

Oktober 30, 2006

Gestern beim Lehrgang in Esslingen haben wir unglaublich lange einfach nur Basics geübt. Grundübungen mit dem jo, Ausweichen gegen yokomen uchi, Angriff yokomen uchi. Shihonage. Ude kime nage. Basics machen mir Spaß, vor allem wenn sie gut erklärt werden und man sie mit netten Partnern üben kann, die sich ebenfalls darauf einlassen, Basics zu üben, anstatt sofort wieder die Verschnörkelungen und fortgeschrittenen Dinge zaubern zu wollen.

Kleine Kinder müssen erst mal krabbeln und dann stehen lernen, bevor sie anfangen können, zu gehen und irgendwann zu laufen, zu hüpfen oder zu rennen. Am Anfang mag das Wort gewesen sein, aber ich bin sicher es war dicht gefolgt vom Stand :-) Wenig Leute können richtig, zentriert und stabil stehen. Viele versuchen es noch nicht mal. Gut stehen ist ganz schön schwierig finde ich und ich habe gestern mal wieder gesehen, wie sehr ich selbst das noch üben muss. Ein gutes Vorbild in dieser Hinsicht ist Yamada, der einfach immer steht als wäre er ein Baum, der schon seit 400 Jahren an dieser Stelle steht und sich über Hurricane Kathrina in´s Fäustchen lacht.

Wenn die Basics dann besser werden, wird der Rest dadurch automatisch auch besser und dann macht auch das Spielen mit der Trickkiste automatisch mehr Spaß.

Erkenntnis des Tages: I love basics!

Sonja

Pain

Oktober 29, 2006

Erkenntnis des Tages #1:

Pain is O-Sensei’s way of telling you that you’re doing something wrong.

Bei mir fangen die richtigen Schmerzen erst nach dem Training an. Während mein Körper wieder abkühlt. Nachdem ich wieder Stunden damit verbracht habe, mittels Muskelkraft eine Technik zu erwingen. Ich will mit den Kindern trainieren. Sie wiegen weniger als Sergei. Obwohl es an sich einen Widerspruch zu sein scheint, werde ich aber auch erst nach dem Training auch richtig locker. Lockere Arme, schnelle Beine und ein Feuer im Rücken, das mich zum Nachdenken zwingt.

Erkenntnis des Tages #2:

Einkaufen ist gefährlicher als Aikido.

Wahre Kraft hat mit Muskeln fast nichts zu tun. Wahre Kraft liegt in Bewegung. Ob Sonne oder Menschen. Sie bewegen sich doch. Wie Leoni und Heraklit von Ephesos sagten: Alles fließt. Beim Einkaufen viel mir aber den Widerspruch ein: In der Ruhe liegt die Kraft. Dann fing ich an mit diesen zwei Gedanken zu spielen. Ich finde, dass Ruhe und Bewegung zusammengehören. Wie gewebt spielen sie mit einander:

Ruhiger Geist, ruhiger Körper
Aktiver Geist, ruhiger Körper
Ruhiger Geist, bewegender Körper

Wir können wachsam sein, ohne uns zu bewegen. Wir können uns bewegen, ohne zu denken. Dennoch schließen sie sich nicht gegenseitig aus. Wir können versuchen, gleichzeitig zu denken und uns zu bewegen. Jedoch enden solche Versuche bei den Meisten von uns Sterblichen in einem Haufen zerschmetterter Knochen.

Pain is O-Sensei’s way of telling you that you’re doing something wrong.

Im Gedanken verloren wurde ich beim Überqueren der Straße fast überfahren. Bewegender Geist, bewegender Körper.

QED.

Ben