Von Meistern und anderen Menschen

Januar 31, 2007

Gestern im Training machte Martin mir gegenüber eine Bemerkung, die mich mal wieder zum Nachdenken über das Wort „Meister“ gebracht hat und Jules und mir eine interessante Unterhaltung über dieses Thema auf dem Weg zur Arbeit heute morgen bescherte 🙂

In meinem Artikel zum Shodan hatte ich ja schon mal angesprochen, dass mir dieses Wort „Meister“, das im DAB für alle Danträger schon ab dem 1. Dan verwendet wird, nicht liegt. Die meisten Verbände, die ich kenne, verwenden diese Bezeichnung (wie ich finde zu Recht) erst für Danträger ab dem 5. Dan. Wenn ich mal über die Grenzen Deutschlands hinweg denke, dann fällt mir außer Frankreich kein Land ein, in dem dieser Begriff verwendet wird. In Frankreich spricht man von Maitre Noquet, Maitre Brun, aber selbst bei Tissier oder Subileau ist mir dieses Wort noch nie begegnet (was natürlich daran liegen mag, dass ich wenig Französich spreche und daher wenig über Aikido in Frankreich lese). Auch in England oder den USA ist „master“ ein sehr ungewöhnlicher Begriff, um einen Aikido-Lehrer zu beschreiben. Statt dessen spricht man von „shihan“ oder „sensei“.

Sensei bedeutet nichts anderes als Lehrer, shihan könnte (nach längerer Recherche im Netz) mit vorbildlicher Lehrer übersetzt werden. Es wird außerdem vom Aikikai als höchster von drei Titeln/Auszeichungen (fukoshidoin, shidoin, shihan) für Lehrer verwendet. Da die im DAB meist verwendete Aikido-Terminologie deutsch ist, lässt sich sowas nicht so leicht integrieren, aber ich muss sagen, dass mir diese Bezeichnungen viel leichter über die Lippen gehen als „Meister“. Ich zucke auch innerlich zusammen, wenn ich als Shodan so bezeichnet werde. Das fühlt sich für mich in etwa so an, als würde man nach bestandener Führerscheinprüfung von mir erwarten, im Nürburgring mitzufahren – wo ich doch jetzt perfekt Auto fahren kann ;-).

Natürlich erwartet auch im DAB niemand von einem 1. Dan, dass er oder sie perfekt ist, aber wird das nicht trotzdem durch das Wort Meister suggeriert? Laut Wikipedia ist ein Meister ein Mensch, der „ein Fachgebiet umfassend beherrscht“. Ohne falsche Bescheidenheit möchte ich behaupten, dass ich als Shodan weit von sowas entfernt bin und dass sich das auch in den Dangraden nach dem Shodan nicht großartig ändern wird. Leider gibt es meiner Meinung nach zu viele Danträger, die sich auf ihrer Graduierung ausruhen, gerade so als müssten sie ja nun nichts mehr lernen – sie sind ja nun schon Meister. Solch eine Einstellung kommt natürlich nicht nur daher, dass diese Bezeichung benutzt wird, aber ich frage mich schon, ob es mit eine Rolle spielt.

Interessanterweise habe ich den Eindruck, dass die Bezeichnung sensei nur ungern benutzt wird. Und zwar nicht etwa von den Schülern, sondern von den Lehrern selbst. Im DAB ist es unüblich, einen Lehrer als sensei zu beschreiben und irgendwie haftet diesem Wort in unserem Verband soetwas wie hochtrabende Arroganz an – wohingegen schon jeder 1. Dan von sich selbst als Meister sprechen darf. Irgendwie passt das nicht in mein Verständnis von Vorbildern. Für mich ist die Bezeichung sensei daher eher ein Zeichen von Bescheidenheit als von Überheblichkeit.

Außerdem scheint es mir paradox, dass man sich einerseits auf dem Do befindet (Der Weg ist das Ziel?!) und andererseits schon mit dem 1. Dan davon spricht, Aikido zu meistern. Da passt doch irgendwas nicht zusammen!?

Sonja

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s