Leider konnte ich gestern aufgrund von Rückenschmerzen mal wieder nicht trainieren 😦 Mist, Mist, Mist. Dafür muss dann eben das Netz herhalten und wie so oft habe ich etwas gefunden, was mich sehr berührt hat. Es stammt (wenn ich mich recht erinnere) aus Mitsugi Saotomes Buch „Aikido and the Harmony of Nature“:

O Sensei believed, according to the Way of Kannagara, that the individual creates his or her own heaven or hell right here on this earth. I am reminded of an old Japanese folk-tale of an adventurous young man who wanted to know the difference between heaven and hell. He first looked upon hell and saw many people seated at a long table filled with the finest foods. But everyone had gaunt faces weak, crying in despair. A closer look revealed that their hands had only two fingers formed into the shape of hashi, Japanese chopsticks, four feet long. Although they could pick up the food, their fingers were so long that they could not get in into their mouths. In frustration they were turning their tools into weapons, fighting selfishly among themselves for the food they could not eat. Then he looked upon heaven. He saw the same long table with the same beautifully prepared food and the same long fingers. But everyone was laughing and smiling at the others. Their cheeks were full and glowing with health. There was no fighting, for they picked up the food and, extending it to the other side of the table, fed each other. What is the difference between heaven and hell? Consciousness, compassion, and cooperation.“

Den Kommentar kann ich mir dazu wohl sparen. 🙂 Der Rest des Buches ist übrigens auch sehr lesenswert.

Einen schönen Tag euch allen,
Sonja

Gestern nach dem Training in Esslingen hatten wir anlässlich eines Textes, den Carsten verfasst hatte, eine interessante Diskussion. Carsten hatte in dem Text geschrieben, dass bei Aikido der Angriff eines Angreifers „akzeptiert“ (man beachte die Anführungszeichen, nicht wahr, Carsten? 😉 ) wird. Viele von uns fanden das Wort nicht so glücklich gewählt und auch (sorry Carsten 😉 ) die Anführungszeichen erwecken einen falschen Eindruck. Was pedantisch erscheinen mag, hat trotzdem einen Hintergrund, über den man nachdenken kann. Akzeptiere ich den Angriff wirklich? Wäre es beispielsweise richtig, den verbalen Angriff eines pubertierenden Neonazis zu akzeptieren? Momentan würde ich das verneinen. Ich würde sowas nicht akzeptieren wollen. Aber was meiner Meinung nach durchaus vorstellbar wäre, ist den Angriff erst mal (jedenfalls bis zu einem gewissen Grad – manchmal muss man aber wahrscheinlich auch einfach 100%ig irimi sein) zuzulassen und erst mal die Blickrichtung des Angreifers einzunehmen. Wo kommt er eigentlich her? Warum hat er es nötig, mich mit rassistischen Parolen provozieren zu müssen? Was bringt jemanden dazu, sich so zu verhalten? Und was kann getan werden, dass er sich das alles selbst und anderen nicht mehr antun muss? Letztendlich wäre doch genau das die Lösung, die Harmonie herstellt und den Angreifer gleichzeitig beschützt. Nicht dass ich behaupten würde, das in der Realität anwenden zu können, aber es kann ja nicht schaden, soetwas anstreben zu wollen.

Und das mit den Anführungszeichen hat in mir beim Lesen des Textes den Eindruck erweckt, dass man als Verteidiger nur so tut, als ob man den Angriff akzeptiert/zulässt, um dann hinterrücks zuzuschlagen, oder so ähnlich. Aber ich glaube (und da wird mir Carsten sicher Recht geben 🙂 ) dass man den Angriff mit ganzem Herzen zulassen muss. Sonst funktioniert das ganze einfach nicht. Genau wie bei einer Technik: halbe Sachen gehen meist in die Aikido-Hose. Ganz oder gar nicht. Um das aber mit ganzem Herzen machen zu können, braucht man wohl viel Vertrauen, Erfahrung und Gelassenheit, schätze ich. Naja, irgendein Ziel muss man ja haben, auch wenn es weit entfernt scheint…

Irgendwas hat gestern im Training bei mir klick gemacht. Ich habe mein Zentrum ziemlich stark gefühlt und eine stärkere Verbindung dazu aufgebaut. Schwer zu beschreiben, aber es war richtig geil 🙂 Daumen drücken, dass das keine einmalige Sache war!

Nachher im Auto sprachen Jules, Leoni und ich noch ein bisschen über die Lernprozesse, die man bei Aikido so durchläuft. Ich kann mich noch gut an die langen Plateau-Phasen am Anfang erinnern. Man hatte den Eindruck, über eine gewisse Zeit hinweg einfach keine Fortschritte zu machen und irgendwann dachte man sogar, dass sich die Technik wenn überhaupt dann verschlechtert. Das war meist schwierig, aber irgendwann fiel mir dann auf, dass diese Phasen immer die Einleitung zu einem Lernsprung waren. Der Eindruck, dass meine Technik schlechter wurde kam meist daher, dass mein Kopf schon Dinge verstand, die mein Körper einfach noch nicht umsetzen konnte. Trotzdem verstand ich eben mehr als noch ein paar Wochen zuvor, so dass mir meine Fehler natürlich mehr auffielen, obwohl sie nicht unbedingt zugenommen hatten. Dem gedanklichen Verständnis folgt dann ja zum Glück das körperliche Verstehen und Umsetzen und die Zeiten nach den Plateau-Phasen gehörten immer zu den besten auf der Matte. Je länger ich trainiere umso kürzer werden die Plateaus und umso gleichmäßiger wird das Lernen. Trotzdem gibt es immernoch Aha-Momente, bei denen die Kronleuchter angehen. Die liebe ich!!! 🙂

Sonja

Aikido und Individualität

Februar 15, 2007

Gestern, als Jules mir mal wieder Clips bei YouTube zeigte, fiel mir einmal mehr auf, wie außergewöhnlich Doshus (Doshu bedeutet Meister des Weges und ist die Bezeichnung für O-Senseis Enkel Moriteru Ueshiba, der den Aikikai anführt) Aikido ist, gerade weil es nicht außergewöhnlich ist. Könnt ihr mir folgen? 🙂

Ich meine mal gehört zu haben, dass sich Doshu als Nachfolger O-Senseis dazu verpflichtet fühlt, das „reine“ Aikido ohne eigene persönliche Färbung weiterzugeben. Meiner Meinung macht er genau das, und zwar auf bewundernswerte Art und Weise. Früher, als Anfängerin, habe ich das gar nicht so gesehen und fand ihn einfach nur irgendwie etwas farblos. Früher haben mich auch die alten Aufnahmen von O-Sensei nie so richtig interessiert. Ich schätze zu dem Zeitpunkt war das ein bißchen wie die Sache mit den Perlen und den Säuen… 😉 Ich hab einfach nicht gewusst, was ich da vor mir habe.

Gestern, als mir dieser Gedanke zu Doshu kam, hatte ich dann seit Jahren mal wieder die Idee, mir die Aufnahmen von O-Sensei anzusehen um zu prüfen, ob O-Sensei denn nun einen unverkennbaren „Stil“ hatte oder so wie sein Enkel auch eine Art „Gefäß“ für Aikido war. Und siehe da, ich fand´s plötzlich total spannend. Nicht, dass ich jetzt kapiert hätte, was O-Sensei so außergewöhnlich gemacht hätte. Aber was mir durch den Kopf ging war, dass O-Sensei – im Vergleich zu allen anderen großen Meistern, die ich bisher gesehen habe – keine Techniken gemacht hat. Er hat einfach Aikido gemacht.

Bei anderen Meistern – ich denke da beispielsweise an Yamada mit seinem unumstößlichen Stand einer 400jährigen japanischen Eiche, an Saotome mit seiner runden Weichheit oder auch an Martins Präzision,  aber Beispiele gibt es unzählige – kann man immer einen bestimmten Stil erkennen, etwas was ihre Technik oder ihre Herangehensweise von der anderer Meister unterscheidet (oft kann man sogar ihre SchülerInnen sofort an ihrer Technik erkennen). Ich finde, dass Doshu das nur in sehr begrenztem Maß hat. Und ich finde es sehr weise, dass er anscheinend bewusst beschlossen hat, dies so zu tun. Trotzdem finde ich es andererseits sehr spannend, dass es eben diese unterschiedlichen Stilrichtungen durch die Individualität der Meister gibt und es fasziniert mich immer wieder, wie sehr sich die Persönlichkeit eines Menschen in seiner Technik wiederspiegelt.

Und der Stil O-Senseis??? Den konnte ich bisher auch irgendwie nicht erkennen. Eigentlich sieht es auf den Videos manchmal aus, als ob er gar keinen so unumstößlichen Stand hatte wie Yamada, nicht die Rundheit von Saotome oder die anscheinende Brutalität von Chiba. Kann es sein, dass genau das das Zeichen seiner Genialität war…? Dass er was Aikido angeht vielleicht jenseits von Persönlichkeit und Ego war, die sich in den Techniken hätten manifestieren können? Dass er eben einfach Ki durch sich durchfließen lassen konnte und sich so von Technik und persönlichen Vorlieben oder Interessen loslösen konnte? The mind boggles…

Doch nun genug der Esoterik und immer schön weiter trainiert.

Sonja

Marchez, marchez!

Februar 12, 2007

Letzten Samstag hatte ich zum zweiten Mal das Vergnügen, bei Jean-Luc Subileau, 6. Dan Aikido FFAAA, trainieren zu dürfen. Er hatte ja letztes Jahr beim Pfingstlehrgang des DAB unterrichtet und schon da hatte ich unheimlich viel Spaß.

Auf dem Hinweg dachte ich noch: „Und wenn wir Irimi nage machen, dann setze ich mich eben daneben und mache bei dieser Technik nicht mit.“ Meine Nase war nämlich noch nicht wieder zur alten Höchstform aufgelaufen und der Gedanke, meinen Riechkolben so nah an eine mir entgegen kommende Schulter zu bringen schien wenig verlockend. Streng nach Murphy´s Law hat Subileau mich dann natürlich genau für den Irimi nage nach vorne geholt. Da kann man ja schlecht sagen „Och nö, lieber nicht, aber danke.“ 🙂 Zum Glück unterrichtet er ja nicht die Form des Irimi nage, der Uke´s Kopf immer und die ganze Zeit absolut an der Schulter fixiert, so dass das dann doch gar kein Problem war.

Ich war – wie letztes Mal auch – sehr von Subileau beeindruckt. Und zwar technisch als auch was seine Person angeht:

Ein Satz, den ich vom Pfingstlehrgang schon wieder vergessen hatte, und den er auch dieses Mal wieder sagte, war „Marchez, marchez!“ Das will ich mir hinter die Ohren schreiben.
Was ich technisch außerdem mitnehme, ist, wie klar er mit der eigenen Mittellinie arbeitet (im Prinzip ist das zwar nichts neues, aber bei Subileau finde ich das besonders deutlich und klar). Die Bewegungen kommen bei ihm immer von dort – besonders klar wurde mir das beim Irimi nage. Das ergänzt sich sehr gut mit dem, was Martin unterrichtet: das Kontrollieren der Mittellinie von Uke. Sowohl bei Uke als auch bei Nage geht es eben immer um diese Linie.
Manchmal hat Subileau die Bewegungesabläufe einer Technik ohne Partner gezeigt und wenn Uke fehlt, materialisiert sich plötzlich ein unsichtbares Schwert in Subileaus Händen. Alle Techniken gehen auf das Schwert zurück – auch das ist nichts neues, aber irgendwie kommt das bei ihm eben ganz stark raus und ist in seinen Bewegungen sehr präsent. Das gefällt mir sehr gut.

Abgesehen vom Technischen hat Subileau noch dazu eine unglaublich angenehme, freundliche Art. Und ich habe ihn bei diesem Training zum ersten Mal über Philosophie sprechen gehört. Zum Abschluss des Trainings sprach er davon, was einen Angriff provoziert oder auslöst. Nicht etwa im technischen Sinn, sondern eben im menschlich-philosophischen. Er sagte (wenn ich das richtig verstanden habe), dass jemand meist dann angreife, wenn er einen Mangel verspürt, den er ausgleichen will oder/und wenn er Angst fühlt. Wenn jemand dagegen völlig im eigenen Ki ist, eben keinen Mangel und keine Angst verspürt, dann hat er auch keinen Grund jemand anders anzugreifen. Man erlebt in unseren Gefilden ja selten, dass mal über Philosophie gesprochen wird und ich sauge das dann immer auf wie ein Schwamm.

Was er da sagte war total „up my street“ und es ist etwas, was ich auch in meinem Beruf als Homöopathin jeden Tag beobachte. Alle negativen Gefühle – Neid, Aggression, Arroganz, etc – haben am Ende doch immer den gleichen Ursprung: Mangel und Angst. In meinem eigenen Verständnis geht es sogar noch einen Schritt weiter. Ich kann nur leer sein, wenn ich nicht ständig damit beschäftigt bin, mich anfüllen zu wollen (=Gefühl von Mangel?). Man spürt diese Lehre manchmal bei fortgeschrittenen Meistern z.B. rein technisch, aber ich habe eine solche Leere auch schon im persönlichen Bereich z.B. bei Rajan Sankaran – einem Homöopathen nach dessen Methode ich arbeite – erlebt. Eigene Leere bedeutet für mich ebenfalls, dass ich versuche, mein Ego loszulassen und stattdessen meine Einheit mit der universellen Energie zu spüren. Sobald ich mich von dieser Energie trenne, kommt mein Ego in´s Spiel und ich fühle Angst und eben auch Mangel. Aikido kann mir helfen, an dieserAngst und dem Mangel zu arbeiten. Genau das ist meine Idee von Aikido und so wie ich O-Sensei verstehe (wenn ich ihn denn verstehe) hat er unter anderem ungefähr sowas sagen wollen. Das ist jetzt meine Interpretation, aber vielleicht bekomme ich ja mal die Gelegenheit, mehr darüber von Subileau zu erfahren. Das wäre sehr schön.

Sonja

Lektion gelernt

Februar 8, 2007

Bisher bin ich im Training ja immer recht ungeschoren davongekommen (toi, toi, toi), das hat sich am Dienstag Abend geändert 🙂

Bei einer Kokyo nage Technik mit dem Stab habe ich meinen Abstand nicht genug eingehalten und habe glatt die Rechnung dafür bekommen – einen satten Tritt an die Nase. Das entsprechende Nasenbluten ließ nicht lange auf sich warten und ab ging´s in die Notaufnahme. Zum Glück nix gebrochen, nur geprellt, auch die Veilchen unter den Augen haben sich nicht wie befürchtet eingestellt.

Aus dieser Sache habe ein paar Dinge gelernt:

1. Auch in der Notaufnahme zahlt man 10,- EUR Praxisgebühr. Unverschämt, eigentlich.
2. Ich muss besonders bei dieser Technik mehr auf meine Maai achten.
3. Meine Nase hält mehr aus, als ich dachte.

Ich musste ja doch über mich lachen: Da rede ich im Training immer über Selbstverteidigung und dann kriege ich eins auf die Nase von jemandem, der mir noch nicht mal weh tun wollte! 🙂

Mal sehen, ob der HNO-Arzt mich heute Abend wieder auf die Matte lässt…

Sonja

Jules hat diese Woche eine sehr interessante Einsicht gehabt, bei der es darum geht, wo der Mittelpunkt der Kreise in den Aikido-Techniken liegt. Schon bei den Ausweichbewegungen wird klar, dass nicht Nage der Mittelpunkt der Technik ist, sondern der Punkt genau zwischen Nage und Uke. Um diesen Punkt dreht sich alles. Das macht sehr viel Sinn und so klar wie Jules das ausdrückte, hatte ich das noch nie gesehen. Witzigerweise hatte ich gerade im Training am Dienstag bei Martin an einem ähnlichen Punkt bei Irimi nage gearbeitet. Die Zentrifugalkraft kommt hier manchmal recht unhilfreich ins Spiel und bringt den Kopf des Uke, den ich ja kontrollieren will, immer weiter weg von mir. Es stellte sich heraus, dass man, um das zu vermeiden, eben nicht sich selbst zum Zentrum der Bewegung zu machen, sonden den Abstand zu nage genau wählen muss, dass das Zentrum der Bewegung zwischen uns liegt. Physisch hatte ich das am Dienstag schon kapiert, theoretisch erst jetzt, nachdem Jules das so klar formulierte. Ein Prinzip, dass sich in alle Techniken integrieren lässt.

Auch philosophisch macht das viel Sinn. Um eine harmonische Lösung in einem Konflikt zu erreichen, darf ich nicht nur mich selbst zum Zentrum des Geschehens machen – eine Konfliktlösung kann so nie zu beiderseitiger Zufriedenheit führen. Nur wenn ich ein gemeinsames Zentrum finde, einen gemeinsamen Nenner sozusagen, kann die folgende Lösung für beide akzeptabel und harmonisch sein.

Technik und Philosophie sind so eng miteinender verwoben – das fasziniert mich immer wieder auf´s Neue!

Sonja