Aikido und Individualität

Februar 15, 2007

Gestern, als Jules mir mal wieder Clips bei YouTube zeigte, fiel mir einmal mehr auf, wie außergewöhnlich Doshus (Doshu bedeutet Meister des Weges und ist die Bezeichnung für O-Senseis Enkel Moriteru Ueshiba, der den Aikikai anführt) Aikido ist, gerade weil es nicht außergewöhnlich ist. Könnt ihr mir folgen? 🙂

Ich meine mal gehört zu haben, dass sich Doshu als Nachfolger O-Senseis dazu verpflichtet fühlt, das „reine“ Aikido ohne eigene persönliche Färbung weiterzugeben. Meiner Meinung macht er genau das, und zwar auf bewundernswerte Art und Weise. Früher, als Anfängerin, habe ich das gar nicht so gesehen und fand ihn einfach nur irgendwie etwas farblos. Früher haben mich auch die alten Aufnahmen von O-Sensei nie so richtig interessiert. Ich schätze zu dem Zeitpunkt war das ein bißchen wie die Sache mit den Perlen und den Säuen… 😉 Ich hab einfach nicht gewusst, was ich da vor mir habe.

Gestern, als mir dieser Gedanke zu Doshu kam, hatte ich dann seit Jahren mal wieder die Idee, mir die Aufnahmen von O-Sensei anzusehen um zu prüfen, ob O-Sensei denn nun einen unverkennbaren „Stil“ hatte oder so wie sein Enkel auch eine Art „Gefäß“ für Aikido war. Und siehe da, ich fand´s plötzlich total spannend. Nicht, dass ich jetzt kapiert hätte, was O-Sensei so außergewöhnlich gemacht hätte. Aber was mir durch den Kopf ging war, dass O-Sensei – im Vergleich zu allen anderen großen Meistern, die ich bisher gesehen habe – keine Techniken gemacht hat. Er hat einfach Aikido gemacht.

Bei anderen Meistern – ich denke da beispielsweise an Yamada mit seinem unumstößlichen Stand einer 400jährigen japanischen Eiche, an Saotome mit seiner runden Weichheit oder auch an Martins Präzision,  aber Beispiele gibt es unzählige – kann man immer einen bestimmten Stil erkennen, etwas was ihre Technik oder ihre Herangehensweise von der anderer Meister unterscheidet (oft kann man sogar ihre SchülerInnen sofort an ihrer Technik erkennen). Ich finde, dass Doshu das nur in sehr begrenztem Maß hat. Und ich finde es sehr weise, dass er anscheinend bewusst beschlossen hat, dies so zu tun. Trotzdem finde ich es andererseits sehr spannend, dass es eben diese unterschiedlichen Stilrichtungen durch die Individualität der Meister gibt und es fasziniert mich immer wieder, wie sehr sich die Persönlichkeit eines Menschen in seiner Technik wiederspiegelt.

Und der Stil O-Senseis??? Den konnte ich bisher auch irgendwie nicht erkennen. Eigentlich sieht es auf den Videos manchmal aus, als ob er gar keinen so unumstößlichen Stand hatte wie Yamada, nicht die Rundheit von Saotome oder die anscheinende Brutalität von Chiba. Kann es sein, dass genau das das Zeichen seiner Genialität war…? Dass er was Aikido angeht vielleicht jenseits von Persönlichkeit und Ego war, die sich in den Techniken hätten manifestieren können? Dass er eben einfach Ki durch sich durchfließen lassen konnte und sich so von Technik und persönlichen Vorlieben oder Interessen loslösen konnte? The mind boggles…

Doch nun genug der Esoterik und immer schön weiter trainiert.

Sonja

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