The importance of being earnest… ähhh… soft!

Mai 24, 2007

Frei nach Oscar Wilde haben wir uns gestern Abend nach dem Training, das ich (weil Ed nicht da war) in Esslingen als Gasttrainerin geben durfte, Gedanken dazu gemacht, warum es wichtig ist, weich zu sein. Wir kamen darauf, weil es dort einen sehr netten, ehemaligen Karateka gibt, der einen extrem guten Stand hat (Neid!!!), noch dazu recht kräftig und ergo ziemlich schwer zu bewegen ist.

Wer von uns kennt das nicht: Man trainiert mit jemand, der zupacken kann wie ein Stier und dann einfach stehen bleibt und keine Angriffsenergie liefert. Manchmal ist das Sturheit der betreffenden Person, meistens aber machen das diese Leute weil sie denken, dass dies ein „echter“ Angriff ist. Damit haben sie natürlich nicht ganz unrecht. Das, was wir als Uke machen, könnte man schon als „Mitspielen“ beschreiben und sieht oft so aus, als ob Uke freiwillig fällt. Bisher ist es mir immer schwer gefallen, solchen Leuten zu erklären, warum sie ihren extrem guten Stand in gewisser Weise aufgeben müssen und warum sie „Mitspielen“ müssen. Immerhin will ich ja nicht, dass es sich anhört, als ob Aikido nur Puppentheater und „Fake“ ist. Dafür liegt mir die Effektivität dann doch zu sehr am Herzen. Aber wie bringt man Effektivität und Weichheit zusammen? Und warum?

Gestern Abend kam mir dann in unserer Diskussion ein Vergleich, der momentan für mich stimmig ist. In der Grundschule habe ich erst mal gelernt, einzelne Buchstaben zu schreiben. Nach einer Vorlage, so dass die „b´s“ meiner Klassenkameraden genauso aussahen wie meine. Immer wieder „b“ in Schreibschrift schreiben, 1000 mal. Damals hätte ich nicht im Traum daran gedacht, zu meiner (Lieblings-) Lehrerin Frau Michalsky zu sagen: „Na toll, wann werde ich schon mal den Buchstaben „b“ im wirklichen Leben so schreiben müssen?! Ich will lieber gleich Romane schreiben und den Pulitzer-Preis gewinnen! Kann ich nicht sofort damit anfangen, Oscar Wilde abzuschreiben?“

Schönschrift zu üben hat nichts mit Literatur zu tun, aber es liefert mir die Grundlage dazu – die Prinzipien, die ich erlernen und irgendwann anwenden will. Wenn ich alle Buchstaben in Schreibschrift und Blockschrift drauf habe, kann ich anfangen, Wörter zu schreiben, dann Sätze und ganze Aufsätze und irgendwann wird sich sogar meine eigene, ganz persönliche Handschrift herauskristallisieren. Dann denke ich beim Schreiben nicht mehr an Buchstaben, sondern kann mich frei über das Papier bewegen.

Bei Aikido scheint es mir ähnlich. Wie Robby gestern auch sagte, geht es in den ersten (10? 20? 30? 100?) Jahren darum, Prinzipien zu erlernen. Die Techniken, die wir dafür üben sind nur Hilfsmittel auf dem Weg dahin. Als Uke muss ich also so angreifen, dass diese Prinzipien erlernt werden können. Und nicht so, als wolle ich jemand auf der Straße niedermachen. Wenn ich Martin angreife, dann merke ich genau das. Je besser ich „mitspiele“ desto besser kann er die Technik zeigen, die geübt werden soll. Obwohl mein Angriff also nur „fake“ ist, würde ich trotzdem nie im Leben denken, dass Martins Aikido nicht effektiv ist 🙂 Die Effektivität kommt dann, wenn man ohne zu denken Prinzipien anwendet und sich jenseits der Technik bewegt.

An dieser Stelle bietet sich ein Zitat aus Terry Dobsons Buch an. Er beschreibt, wie jemand in ein Meditationszentrum kommt und wütend ist, weil er immer noch nicht erleuchtet ist. Sein Meditationslehrer erwidert daraufhin: „Du bist nicht reif für deine Erleuchtung. Du musst erst mal an deiner Verdunkelung arbeiten.“ In gewisser Weise muss man auch bei Aikido um effektiv zu werden jeden Gedanken an Effektivität erst mal beiseite legen und an der Uneffektivität – dem Weich-Sein, dem Mitspielen – arbeiten.

Das heißt ja nicht gleich, dass ich nicht auf sicheren Abstand o.ä. achten muss (denn der gehört auch zu den zu lernenden Prinzipien), sondern dass ich sowohl als uke als auch als nage eben weich sein muss, um spüren zu können, was eigentlich vor sich geht. Wenn ich mich als uke versteife, dann kann ich weder Energie geben noch selbst die Anwendung der Prinzipien spüren. Das gleiche gilt dann natürlich auch für Leute, die keinerlei Körperspannung haben und am Arm hängen wie ein nasses Handtuch.

Ich kann mich noch daran erinnern, wie ich zum ersten mal beim Üben einer Technik ohne Nachzudenken und ohne zu Stocken in eine andere Technik übergegangen bin, weil mein uke plötzlich nicht mehr „mitgespielt“ hat. Für mich fühlte sich das an wie ein wichtiger Schritt auf meinem „Aiki-Do“ und vielleicht markierte er den Anfang von so etwas Ähnlichem wie „Effektivität“. An diesen Punkt kann man nur kommen, wenn man vorher unendlich oft mit Partnern trainieren durfte, die auf die richtige Art und Weise mitspielen. Für gute uke sollten wir dankbar sein und versuchen, unseren Trainingspartnern das gleiche Vergnügen zu bereiten.

Früher war es mir immer unterschwellig ein bißchen peinlich, wenn ich Leuten, die mich gefragt haben, ob Aikido nicht nur „Fake“ sei, erklären wollte, dass Aikido sehr wohl effektiv sein kann. Es hat sich angefühlt, als ob ich mich oder meine Kampfkunst rechtfertigen will. Komischerweise nimmt dieses Gefühl je besser mein Ukemi wird (also je besser ich mitspielen kann) immer mehr ab.

Sonja

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