Beschwerden

Dezember 16, 2007

…hagelt es gerade, weil es so lange keine neuen Blog-Einträge gab. Mein Tip: selbst mal einen schreiben 🙂

In den letzten Wochen hatte ich wenig Drang dazu, meine Gedanken hier festzuhalten. Das hatte einerseits mit Zeitmangel zu tun, andererseits aber wohl auch damit, dass der Herbst derart voll war mit Training, Lehrgängen, Workshops, etc., dass ich tatsächlich ein bisschen müde war. „Burn-out“ heißt das wohl auf neudeutsch.
Außerdem sind mir seit dem Lehrgang mit Larry Reynosa viele Dinge im Kopf rumgegangen, die ich erst mal sacken lassen musste und wollte. Zur Strafe hat sich jetzt so viel in meinem Hirn angesammelt, dass ich nicht weiß, wo ich anfangen soll.

Vielleicht am besten mit dem, was mich am meisten Nachdenken ließ in den letzten Wochen. Ein Thema das bei dem Lehrgang mit Reynosa Sensei klar auf den Tisch kam, war das des Vertrauens. Wie ich am eigenen Leib bzw. an der eigenen Kehle erfahren durfte. Seine Message: „Don´t trust anybody!“ Auch nicht deinem Sensei oder deinem Vater. Ohne Frage lebt Reynosa Sensei in einem Umfeld, in dem diese Lebensmaxime nicht nur legitim sondern sogar notwendig ist. Sein Anliegen scheint es zu sein, Menschen dabei zu helfen, in einer gewalttätigen Umwelt zu überleben. Nach allem was ich am eigenen Körper so gespürt habe, hat er das auch wirklich drauf und ich hege keinerlei Zweifel an der Effektivität seiner Technik. Aber das was ich im Bauch hatte als ich nach dem Lehrgang wieder nach Hause fuhr, war nicht das warme, enthusiastische Kribbeln, das ich von Lehrgängen kenne, die mich inspirieren und die mir das Gefühl geben, mit anderen verbunden zu sein. Gerade letzteres hat für mich enorme Bedeutung. Im Prinzip läuft es darauf hinaus (welch Widerspruch), was Reynosa Sensei am Anfang des Lehrganges selbst sagte: Wir sind alle verbunden (spätestens seit O-Sensei keine revolutionäre Neuigkeit – ich weiß) und deshalb hat alles, was wir als Individuen tun eine Auswirkung auf die gesamte Menschheit. Was einerseits Verantwortung für uns selbst und die Menschheit bedeutet, ist andererseits für mich persönlich gleichzeitig soetwas wie Trost oder Sicherheit. Was würde es in diesem Kontext bedeuten, niemandem mehr zu trauen? Könnte man da noch diese Verbindung zulassen? Misstrauen ist für mich immer vergleichbar mit einer Tür die ich fest verschließe. Ein anderer Gedanke, der mir bei Misstrauen sofort durch den Kopf geht ist der der Angst. Kann man misstrauisch sein ohne Angst und umgekehrt?

Ein Studienfreund von mir, seines Zeichen paranoider Zyniker, sagte lange bevor ich Aikido kannte mal so etwas ähnliches wie Reynosa Sensei zu mir. Meine Antwort war ein naives „Lieber die Tür aufmachen und mal verletzt werden als immer die Schotten dicht zu haben. Was für ein Leben ist das denn, wenn ich niemandem vertraue und so keine echten Beziehungen eingehe?“ Vertrauen und Beziehungen gehen für mich Hand in Hand. Eines geht nicht ohne das andere. Natürlich ist Vertrauen immer ein Risiko. Manchmal ein lebensgefährliches, schätze ich, besonders wenn man in LA oder der Bronx lebt. Aber wenn ich mir nun wieder vor Augen führe, dass mein Handeln immer die ganze Menschheit beeinflusst, dann kann ich nicht mit ruhigem Gewissen empfehlen, dieses Risiko nicht einzugehen. Gewalt erzeugt Gegengewalt, Kraft erzeugt Gegenkraft. Auch das ist spätestens seit Aikido nicht neues. Was also erzeugt Misstrauen?

Vielleicht bin ich einfach – wie Reynosa Sensei sagte – nur nicht bereit dazu, meinen „place of comfort“ oder das was ich kenne und beherrsche aufzugeben und mir fehlt der Mut dafür, diese Einstellung zu übernehmen. Oder ich hab die Message nicht richtig kapiert. Aber mir ist auf jeden Fall wieder etwas klarer geworden, warum ich Aikido mache und was ich mit Aikido erreichen möchte. Und dass sich das unter Umständen ganz schön davon unterscheidet, was andere in Aikido sehen und suchen. Trotzdem hat alles seine Berechtigung.

Im Kontext von Vertrauen und Misstrauen musste ich – liegt ja nahe – auch viel über Ukemi nachdenken. Martin sagte im Auto zu mir etwas in der Art: „Jedes Mal wenn ich als Lehrer jemanden in die Mitte hole um eine Technik vorzumachen ist das wie eine unausgesprochen Bitte mir zu vertrauen. Man braucht das Vertrauen von Uke, denn man sagt ja quasi „Greif mich an, aber vertraue mir, dass ich dir nicht weh tun werde.“ Jemanden in dieser Sitation zu verletzten, ist ein Vertrauensbruch.“ Darin liegt für mich unheimlich viel Wahrheit und Bedeutung. Meiner Erfahrung nach wächst durch das gemeinsame Training das Vertrauen zueinander (und auch das Vertrauen in sich selbst – interessant…). In den meisten Fällen jedenfalls. Je mehr Vertrauen ich meinen Trainingspartnern und Mitmenschen entgegen bringen kann, desto mehr Vertrauen bekomme ich (fast immer) zurück. Das Resultat: Ängste werden unnötig, Offenheit beginnt und ein echter Austausch (oder mit anderen Worten: Kontakt!) wird möglich. Dann kommt auch zum Vorschein, dass wir eben doch alle verbunden sind und Trennung nur eine Illusion ist. Habe ich O-Sensei falsch verstanden, dass es darum bei Aikido geht? Wenn ich die Menschheit jedenfalls in irgendeiner Weise beeinflussen wollen würde, dann in dieser. Bin ich mit dieser Einstellung schon auf die Schnauze geflogen? Klar. Aber ich habe dadurch auch schon vieles erlebt, was mein Leben extrem bereichert hat.

Sonja